Baumeister Solness

In Frank Castorfs „Baumeister Solness“-Inszenierung ist vieles so, wie es sein Publikum seit fast 2,5 Jahrzehnten in der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz gewohnt ist: in 4 Theater-Stunden (für übliche Theatermaßstäbe ist das sicher XL, für Castorf-Verhältnisse höchstens M) hibbeln seine Schauspieler über die Bühne. Kathi Angerer nölt sich auch diesmal in ihrer unvergleichlichen Art durch den Abend. Sehr oft tritt der Abend auch einfach nur auf der Stelle. Gedehnte Zeit, kleine Slapstick-Einlagen: eben ganz das Castorf-typische „Zermürbungsspiel“, wie Rüdiger Schaper im Tagesspiegel schrieb. Selbstironisch stöhnt Marc Hosemann in der Titelrolle als Baumeister Solness nach einer guten Stunde: „Anstrengend, der erste Akt, völlig sinnlos“.

baumeister

Auch wenn diese Castorf-Inszenierung nicht mit einer All-Star-Besetzung wie „Brüder Karamasow“ oder seine „Kabale der Scheinheiligen“ aufwarten kann, gibt es doch einige Punkte, die den Abend sehenswert machen:

Daniel Zillmann gab in diesem Stück sein Volksbühnen-Debüt. In einer Doppelrolle (als Ragnar Brovik und Aline Solness) entert er in einem an Beth Ditto (Gossip) erinnernden Kostüm raumgreifend die Bühne. In den vergangenen Jahren erspielte er sich einen festen Platz in den Inszenierungen von Pollesch und Castorf.

Wenn das Publikum die Freddy Quinn-Schlager-Seligkeit, mit der die letzte Stunde eingeläutet wird, und eine nicht ganz so in die Länge gezogene Heinz Rühmann-Parodie von Marc Hosemann überstanden hat, gibt es zum großen Finale noch als Hommage an David Bowie die „Space Oddity“-Hymne.

Zu dem Zeitpunkt sieht die Bühne längst wie ein Schlachtfeld aus: die Henry Hübchen-Puppen, die zu Beginn sauber aufgereiht neben der vielbeschäftigten Souffleuse saßen, wurden von Angerer, Hosemann und Co. längst in einer Mischung aus Voodoo-Zauber und Stoffpuppen-Weitwurf auf der Bühne verteilt: hier stapeln sich drei, dort liegen einige quer, wohin mit dem verlorenen Schuh?

Vor allem ist dieser „Baumeister Solness“ aber voll mit selbstironischen Insider-Gags: nicht nur das mittlerweile sichtlich angeknackste Verhältnis von Castorf zu seinem Star-Schauspieler Henry Hübchen aus den frühen Volksbühnen-Tagen wird thematisiert. Als Running-Gag kommen auch „der Frank“ und seine Vorzimmer-Dame Elke Becker, die ihm seine Hospitanten vom Hals halten muss, vor.

Auch wenn die Inszenierung schon am 28. Mai 2014 Premiere hatte und nur noch ab und zu auf dem Spielplan steht, lohnt sich ein Besuch der Aufführung in Castorfs aktueller Abschieds-Spielzeit.

Plakat-Motiv: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz/LSD/Lenore Blievernicht

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