Streitraum: Gewalt und Gerechtigkeit

In ihrem aktuellen „Streitraum“ an der Schaubühne diskutierte Carolin Emcke mit dem französischen Schriftsteller und Eribon-Schüler Édouard Louis über seinen Roman „Im Herzen der Gewalt“.

Darin reflektiert er seine Vergewaltigung durch einen Mann, den er zu sich nach Hause einlud, woraufhin die Situation fatal entgleiste. In der Eröffnungssequenz der Matinee las Louis die eindrucksvolle Passage, wie er zweifelt versuchte, sich von den Spuren des Gewaltakts zu reinigen: wie er die Bettwäsche wechselt, seine Kleidung wegwirft, die ganze Wohnung schrubbt und, da er den Geruch des Angreifers immer noch in der Nase hat, schließlich die Schleimhäute mit Kochsalzlösung reinigt.

In der anschließenden Diskussion vor dem Bühnenbild von Herbert Fritschs überdimensionalem, abgestürztem „Zeppelin“-Skelett bestand der Grundkonflikt darin, dass Louis sehr zugespitzte Thesen vertrat, während Emcke Differenzierungen auszuloten versuchte. Louis berichtete, dass er die Befragungen im Krankenhaus und bei der Polizei als Zyklus fortgesetzter Gewalt empfand. Der Staat mache ihn nach der Gewalttat erneut zum Objekt. Er zeichnete von der Polizei ein Bild als aggressiver Institution. In der Tradition von Foucault stellte er traditionelle Konzepte der Strafjustiz wie „Überwachen und Strafen“ grundsätzlich in Frage. Besonders problematisch findet er Gefängnisstrafen, da sich Kleinkriminelle wie im Fall der Bataclan-Attentäter vom November 2015 erst zu Terroristen radikalisierten.

Die große Leerstelle der Diskussion war, dass er alternative Modelle weder skizzieren konnte noch wollte.

Bild: Gianmarco Bresadola

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