Im Herzen der Gewalt

In der ersten Hälfte ist Regisseur Thomas Ostermeier und seinem Ensemble deutlicher Respekt vor der Aufgabe anzumerken, den autobiographischen Roman „Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis auf die Bühne zu bringen.

Langsame, tastende Suchbewegungen prägen den Beginn dieses Theaterabends: ein Ausprobieren und Verwerfen. Hektisch geschnittene Szenen, die noch recht statisch sind. Zu fast durchgehender Schlagzeugbegleitung von Thomas Witte erleben wir eine Annäherung an den Roman, die phasenweise eher an eine szenische Lesung erinnert und kurz darauf zu stark überzeichneten Karikaturen Zuflucht sucht.

Laurenz Laufenberg präsentiert sich als Erzähler Édouard meist vorne an der Rampe am Standmikrofon. Nach seiner traumatischen Vergewaltigungserfahrung sichtlich angeknackst, um Worte ringend, reflektierend. Neben ihm, nur einige Meter entfernt, aber doch aus einer anderen Welt, Édouards Schwester Clara (Alina Stiegler im Leoparden-Top) und ihr LKW-fahrender Mann (Christoph Gawenda im Feinrippunterhemd). Im Buch ist es zwar auch angelegt, auf der Bühne kippen die beiden Figuren jedoch zu stark in Zerrbilder eines kettenrauchenden Paares aus einer RTL II-Unterschichts-Dokusoap, was zu unsicherem Kichern im Premierenpublikum führte. Renato Schuch als Reda bleibt zunächst schattenhaft im Hintergrund. Die Unruhe der Figuren kommt vor allem in den kurzen Tanzchoreographien von Johanna Lemke zum Ausdruck, die aber ebenso wie der gesamte erste Teil noch nicht aus einem Guss wirken.

In der zweiten Stunde gewinnt der Abend an Qualität, wird dichter und spielerischer: Alina Stiegler und Laurenz Laufenberg spielen sich in den Rollen der ungleichen Geschwister, die sich an das Verbrechen erinnern, die Bälle immer besser zu. Ein wesentliches Bauprinzip des essayistischen, autobiographischen Romans ist, dass Clara (Stiegler) ihrem Mann berichtet, was ihr Édouard (Laufenberg) anvertraut hat und dabei oft sehr schnippisch ihre Wertungen einbaut. Ihr Bruder ist dort zu Besuch und belauscht das Gespräch heimlich. In einem kursiv gedruckten inneren Monolog widerspricht er Claras Erzählungen und ergänzt sie mit Rückblenden.

In Ostermeiers Inszenierung wird daraus in den stärkeren Szenen der zweiten Hälfte ein Ping-Pong aus kurzen Repliken. Die beiden kämpfen um die Deutungshoheit über die Erinnerungen an ihre Kindheit, aber streiten auch darüber, wie leichtfertig Édouard agierte, als er sich in der Weihnachtsnacht von Reda ansprechen ließ und ihn mit nach Hause nahm.

Hervorragend spielt Laufenberg die Mischung aus Begehren und Zögern, als Schuch in der Rolle des Reda nun auch offen die Bühne tritt. Das spielerische Flirten, das Umkippen in Aggression, die wachsende Angst nach der ersten Würgeattacke mit einem Schal, die sich zwischenzeitlich kurz glättenden Wogen und die Wutausbrüche Redas, die in die Vergewaltigung münden, sind schwierige Szenen, die Laufenberg und Schuch überzeugend meistern.

Etwas kurz kommt an diesem Abend die Wut des Autors auf die staatlichen Behörden, auf die Ärztin, die ihn warten lässt, auf die langen Befragungsprozeduren durch verschiedene Polizei-Einheiten und die demütigend-gründliche Untersuchung auf Spuren des Verbrechens. Darüber hat Édouard Louis in seinem Roman klug reflektiert und noch ausführlicher im Dezember als Gast bei Carolin Emckes „Streitraum“-Matinee gesprochen.

Trotz der genannten Anlaufschwierigkeiten und der Vernachlässigung dieser Aspekte, die den Rahmen eines zweistündigen Theaterabends gesprengt hätten, gelang Thomas Ostermeier und seiner Schaubühne ein ziemlich überzeugender Premieren-Abend zum Spielzeit-Finale. Autor Édouard Louis war sehr angetan und bedankte sich bei allen Akteuren mit Küsschen.

Bilder: Arno Declair

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