Die Wiederholung

„Mist, alstublieft!“, ruft Johan Leysen auf Niederländisch. Schon wallt der Kunstnebel über die Bühne, das richtige Ambiente für seinen tragischen Hamlet-„Monolog“. Kurz vor Schluss darf der Bühnenmeister noch mal ran. Profi-Schauspieler Tom Adjibi und sein Laien-Kollege, der Gabelstablerfahrer Fabian Leenders, drehen zu erlesenen Barock-Klängen („The Cold Song“, Henry Purcell) einige Runden. Klassisches Einfühlungs- und Wohlfühl-Theater, das dem bildungsbürgerlichen Abo-Publikum das Herz wärmt.

Aber Vorsicht, wir sind hier bei Milo Rau, dem für seine akribischen Reenactments bekannten Theater-Theoretiker. Der frisch ans NT Gent berufene Intendant brachte zur Spielzeiteröffnung an der Berliner Schaubühne sein Stück „Die Wiederholung/La Reprise“ mit, das im Mai bereits beim Kunstenfestival in Brüssel uraufgeführt wurde.

Über die längste Zeit ist sein 105 Minuten langer, getreu dem klassischen griechischen Tragödien-Prinzip in fünf Akte gegliederter Abend ein recht blutleeres Metatheater. Wie tritt man auf, wie tritt man ab? Wie nähert man sich einer Figur? Wie findet man beim Casting die richtigen Schauspieler? Was müssen die Laien, die nach Raus selbst verfasstem „Genter Manifest“ zwingend zu einer Produktion seines Hauses dazugehören, mitbringen? Wie lässt sich ein brutaler Mord darstellen? All diese Fragen, die sich das Team vor und während der Proben sonst nur hinter den Kulissen stellt, werden hier ausführlich seziert und dem Publikum demonstrativ vor Augen geführt.

Mit derselben Akribie, mit der Rau den gesamten Produktionsprozess reflektiert, lässt er im vierten Akt die rohe Gewalt ausbrechen. Tom Adjibi wird auf die Bretter geknallt, verhöhnt, geschändet und von einer Gruppe alkoholisierter, homophober, arbeitsloser Männer ermordet. Dies ist der brutale Endpunkt des Reenactments des Mordes Ihsane Jarfi, der Lüttich 2012 aufwühlte. Sébastien Foucault, einer von Milo Raus Stammschauspielern, saß damals fast täglich im Gerichtssaal seiner Heimatstadt, und machte den Schweizer Regisseur ebenso auf den Fall aufmerksam wie kurz danach auch Jean-Luc Gilissen, der einen der Täter vor Gericht verteidigte und bei Milo Raus „Kongo-Tribunal“ den Vorsitz hatte.

Die Motive der Männer bleiben im Dunkeln. „Was heißt eigentlich „Wahrheit“ im Theater?“, fragt Rau sich und uns im Programmheft. Für ihn schlug das Schicksal in dieser Lütticher Nacht unerbittlich zu: einige Männer (Täter wie Opfer) waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Minutenlang wird der Mord in all seinen Vorstufen ausgestellt: „So wie Hollywood die Gewalt, den Exzess als Belohnung für dialogstarke, handlungsarme Szenen offeriert und den Zuschauer mit Blut für seine Geduld entschädigt, so macht es auch Rau. Zwar „problematisiert“ er diese Ästhetik, aber er feiert sie auch, er badet in ihr“, brachte Peter Kümmel in seiner ZEIT-Rezension von der Brüsseler Uraufführung das Zwiespältige an Raus Arbeitsansatz auf den Punkt.

Der fünfte Akt ist Sara de Bosschere, auch sie eine feste Größe in Milo Raus Arbeiten, vorbehalten. Sie darf einen theatertheoretischen Text der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska sprechen, die über das Wesen der unterschiedlichen Akte reflektierte, und erinnert uns daran: Wir sind nicht hier, um wie im Kino einen Thriller zu konsumieren, sondern im Meta-Theater-Seminar „Die Wiederholung“, erster Teil der auf mehrere Akte angelegten Reihe „Histoire(s) du théâtre“.

Bild 1: Michiel Devijver, Bild 2: Hubert Amiel

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