Ein Sportstück

Einen besonders dicken Brocken haben sich die Studentinnen und Studenten des 3. Schauspiel-Jahrgangs der Berliner Universität der Künste (UdK) ausgesucht. Zusammen mit Hermann Schmidt-Rahmer nahmen sie sich „Ein Sportstück“ von Elfriede Jelinek: wie üblich bei der Autorin eine schwer zu greifende Textfläche, eine wütende Suada über Krieg, Sport, Militarismus, Nationalismus und Männlichkeit. Die Uraufführung im Wiener Burgtheater ist als einer der Höhepunkte der Ära Claus Peymann im Gedächtnis und wurde 1998 zum Theatertreffen eingeladen: Einar Schleef ließ seine Chöre in epischer Castorf-Länge marschieren und nackt am Fleischerhaken kopfüber baumeln.

So schlimm ergeht es dem UdK-Nachwuchs nicht. Sie müssen „nur“ 2,5 Stunden durchstehen, toben dabei aber vor der Pause so ausdauernd durch das UNI.T-Theater, dass der Schweiß nur so trieft und sie sich nach der Pause eine ruhigere Runde beim Weißbier gönnen.

Die erste halbe Stunde bestreitet Franziskus Claus im Alleingang. Mit Jelinek-Perücke gibt er eine Einführung ins Thema und doziert über den autoritären Rollback anhand von Assad, Putin, Bolsonaro und Kurz. Im Hintergrund haben sich schon seine Kommiliton*innen aufgereiht. Alle stecken in Fatsuits, auf deren Oberfläche die definierten Muskeln und Sehnen austrainierter Leistungssportler zu sehen sind. Die Kostüme der beiden UdK-Studentinnen Viktoria Mechle und Emily Lisa Schumann gehören zum Besten, was in diesem Metier in letzter Zeit auf Berliner Bühnen zu sehen war.

Die nächste Stunde bis zur Pause entwickelt sich zum Jagen, Schreien und Toben. Orli Baruch hat das UNI.T-Theater so umgestaltet, dass das Publikum durch verwinkelte Katakomben auf die Drehbühne geführt und der gesamte Zuschauerraum zur Spielfläche umgestaltet wurde. Das Theater wirkt plötzlich wie eine Turnhalle aus der Schulzeit. Mit ihren Skateboards rasen die jungen Erwachsenen die Rampen hinunter, hetzen sich gegenseitig kreuz und quer, sprechen einzelne Sätze aus Jelineks „Sportstück“ in Wiederholungsschleife. Auch andere Texte von ihr, wie z.B. ihr aktuellstes Stück „Am Königsweg“ fließen in den Abend ein.

Die Spieler*innen sind mit viel Leidenschaft bei der Sache. Dass der Abend dennoch nicht ganz rund ist, sondern wie Barbara Behrendt auf Kulturradio bemängelte, zerfasert, liegt an den Schwierigkeiten der Vorlage. Im Trailer erzählen die UdK-Studierenden, dass sie am liebsten vor Verzweiflung aus dem Fenster springen würden, weil diese Textwüste ohne klare Rollenverteilung und Plot so schwer in den Griff zu bekommen ist.

„Ein Sportstück“ an der UdK bietet unterhaltsame Comedy, inspiriert von Jelinek. Nach der Turn- und Skateshow geht es nach der Pause beim Weißbier mit Parodien von Sportreportern, Franz Beckenbauer und dem Dresdner Pegida/LKA-Hutbürger weiter. Das ist meist amüsant, aber insgesamt etwas zu lang und nicht zwingend genug.

Ganz am Ende schlägt Ruby Comney, die bereits in einer kleinen Rolle am DT im „Tod eines Handlungsreisenden“ zu sehen war, noch einen ernsteren Ton an, während das Publikum zwei langsame Runden auf der Drehbühne kreist.

Bilder: Daniel Nartschick

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