Jedem das Seine. Ein Manifest

Mitten im Publikum steht Marta Górnicka und dirgiert – ganz so wie wir es von ihren Inszenierungen am Gorki Theater gewohnt sind – einen Wutchor. Aus einer heterogenen Gruppe (Star-Gast Anne Ratte-Polle, einige Ensemble-Spielerinnen der koproduzierenden Münchner Kammerspiele, Tänzerinnen, „ganz normale“ Münchner Bürgerinnen und wenige Quoten-Männer) formt sie eine Kampfformation, die ihre Wut hinausbrüllt.

Hauptangriffspunkte der neuen Arbeit „Jedem das Seine. Ein Manifest“ sind der Sexismus und die Degradierung von Frauen zu Sexobjekten. Dafür hat sie Slogans aus Politik und Werbung gesampelt, was oft bewusst trashig wirkt. Gleich zum Einstieg wird das Publikum allerdings auch mit kraftvoll gezischten Schnipseln aus Klassikern der feministischen Literatur wie dem „SCUM“-Manifesto von Valerie Solanas beballert, das auch für Nicolas Stemanns „Der Vater“-Inszenierung eine zentrale Referenz war. Fast zwangsläufig landet der assoziative Abend immer wieder bei Donald Trump, den Anne Ratte-Polle mit hässlicher Perücke, nacktem Oberkörper und zahlreichen Zitaten á la „Grab the pussy“ karikiert.

Schon der provozierende Titel, ein Zitat des menschenverachtenden Spruchs über dem Eingang zum KZ Buchenwald, mit dem die Nazis den alt-römischen Rechtsgrundsatz „Suum cuique“ zynisch pervertierten, deutet an, dass es Górnicka hier um noch mehr geht: um eine Generalabrechnung mit faschistischen Tendenzen. So fügt sich auch eine längere Passage über das KZ Dachau wenige Kilometer vor den Toren Münchens, die Gro Swantje Kohlhof mit einer Affen-Puppe spielt, in die nur 50 Minuten kurze, hochkonzentriert vorgetragene Wut-Suada ein.

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Das Problem dieses energiegeladenen Abends ist, dass er zu einem undifferenzierten Rundumschlag ausholt. Pauschal wettert Górnicka gegen faschistische Tendenzen des Patriarchats, das nicht nur Frauen, sondern alle Fremden ausgrenze. Sperrfeuer statt Florett ist das Stilprinzip dieses Abends. Stärker als bei Górnicka üblich zerfällt der Chor immer wieder in ohnmächtige Einzelkämpfer*innen, die sich in ihrer Wut überschlagen, gegenseitig zu übertönen versuchen und somit nur noch ein disharmonisches, ratloses Stimmengewirr erzeugen.

Eine positive Überraschung des Abends ist, wie gut sich Katja Brunners rhythmische Texte in den Górnicka-Sound einfügen. Die Schweizerin ist eine der vielversprechendsten Nachwuchsautorinnen und überließ Górnicka einer ihrer neuen Texte für dieses wütende Manifest.

Bilder: © David Baltzer

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