rauschen

Wie Roboter zucken die Tänzer*innen in den ersten Szenen von „rauschen“, der mit Spannung erwarteten Choreographie von Sasha Waltz an der Volksbühne. Sie zeichnet das dystopische Bild von vereinzelten Individuen, die nicht mehr miteinander in Kontakt treten können. Die Satzfetzen klingen blechern wie bei Siri. Störgeräusche aus dem Großstadtlärm sorgen für ein beunruhigendes Hintergrundrauschen.

Das Eröffnungsbild kontrastiert Waltz mit der weihevoll-archaischen Stimmung ihres Schlussbildes: eine Gemeinschaft halbnackter Tänzer*innen zelebriert den Weg zurück zur Natur und ein Leben in Harmonie.

Zwischen diesen beiden Polen entwickelte Waltz eine Choreographie, die zwar mit tollen Kostümen (Bernd Skodzig) und raffinierten Lichteffekten (David Finn) aufwartet, ganz so, wie wir es von Sasha Waltz gewohnt sind. Dennoch wird ihr neuer Abend kein so rauschhaftes Glückserlebnis wie ihre letzte Arbeit „Exodos“ im vergangenen Sommer.

Ihre Digitalisierungs-Dystopie bleibt ähnlich wie der Versuch von Kay Voges, die „Parallelwelt“ auszuloten, zu sehr papierne Kopfgeburt. Immer wieder gelingen Waltz auch an diesem Abend eindrucksvolle Bilder, aber insgesamt wirken die Szenen zu beliebig.

Untermalt von „Beatles“-Songs zieht sich vor allem die erste Hälfte der zwei Stunden zu sehr in die Länge, bevor sich Waltz im Schlussteil auf ihre Stärken besinnt: die Szenen wirken nun stringenter und ausgefeilter, der Abend wird nicht nur optimistischer, sondern auch witziger.

Leider endet „rauschen“ etwas unvermittelt mit der plakativen Schwarz-Weiß-Gegenüberstellung von Dystopie und Sehnsucht nach einem archaischen Idyll. Aus der Reibung zwischen diesen beiden Polen hätte noch ein interessanterer, weniger plakativer Spannungsbogen entstehen können.

Bilder: Julian Röder

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