abgrund

Den gutsituierten Pärchen, die beim Abendessen mit ihrem erlesenen Geschmack prahlen, hält Hausdramaturgin Maja Zade in ihrem zweiten Stück, das an der Schaubühne uraufgeführt wird, den Zerrspiegel vor.

Auslöser für „abgrund“ waren das Gepose und die banalen Small-Talk-Gespräche, die Zade bei mehreren Einladungen in ihrem Freundeskreis erlebte. Ihre Textfläche kopiert das Partygeplauder und distinguierte Getue, erst der regieführende Intendant Thomas Ostermeier verteilte die Sätze und Gesprächsfetzen auf die Figuren.

Nina Wetzel baute ihm eine schicke Designerküche auf die Bühne, an der sich zwei Pärchen, ein ewiger Single und ein homosexueller Künstler in gepflegter Langeweile und mehr oder minder unterhaltsamen Anekdoten ergehen. Ach, wie oberflächlich ist diese Schicht, hämmern uns Ostermeier und Zade ein.

Die holzschnittartigen Karikaturen werden immer dann lebendig, wenn sie über Dritte herziehen und Klatsch und Tratsch verbreiten dürfen. Ansonsten verwenden sie ihre Energie nur darauf, das leckere Essen der Gastgeber in sich hineinzuschaufeln und zu loben und mit Namedropping bekannter Künstler oder Designer ihre Weltläufigkeit zu demonstrieren.

Die Dialoge auf der Bühne verfolgen wir über Kopfhörer (Sounddesign: Jochen Jezussek), während der Qualm der rauchenden Partygäste ins Publikum zieht. Nach jeder der mehr als 50 kurzen Szenen taucht auf der Videowand (Sébastien Dupouey) ein Zwischentitel auf, der meist nur aus einem oder wenigen Worten besteht. Gegen Ende der knapp 105 Minuten werden die Szenen kürzer, immer häufiger deuten Rückblenden an, welches Drama sich nebenan im Kinderzimmer der Gastgeber-Familie (gespielt von Christoph Gawenda und Jenny König) abspielte.

Der Abend endet mit der Hilflosigkeit der vorgeführten Karikaturen. Hinter den oberflächlichen Fassaden sind nichts als Leere und die Unfähigkeit zu echtem Mitgefühl.

Die satirische Schärfe und der Ideenreichtum, die „status quo“, Zades erste Schaubühnen-Arbeit auszeichneten, fehlen diesmal. Wesentlich holzschnittartiger und eindimensionaler ist der „abgrund“ geraten, dem die Fallhöhe fehlt.

Bilder: Arno Declair

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