Amir

„Nach Motiven des Dramas von Mario Salazar“ lautet der Untertitel der Premiere im Kleinen Haus des Berliner Ensembles. Damit ist das Problem dieser Inszenierung von Nicole Oder schon auf den Punkt gebracht. „Amir“ bleibt eine skizzenhafte Collage. Statt eines echten Dramas gibt es nur ein paar Pinselstriche und keinen echten Spannungsbogen.

Das Anliegen des Abends ist sehr berechtigt: „Amir“ möchte auf den prekären Status von Assylbewerbern hinweisen, die sich von einer Duldung zu nächsten hangeln. Amir (gespielt vom aus zahlreichen Kino- und TV-Filmen bekannten Burak Yigit) muss regelmäßig bei der zuständigen Behörde antanzen und wird vom klischeehaft-schmierigen Beamten (Owen Peter Read als einziges Mitglied des Berliner Ensembles unter lauter Gästen) abgewimmelt. Den deutschen Pass mit dem entsprechenden „Willkommen im Club“-Status gibt es nur für den jüngeren Bruder, der das Glück hatte, hier geboren worden zu sein, oder für die boxende Schwester (Laura Balzer), die im Eilverfahren eingebürgert wird, weil man sich von ihr prestigeträchtige sportliche Erfolge und Medaillen erhofft.

Für Amir geht es hingegen nur abwärts. Er driftet mangels Arbeitserlaubnis in die Clan-Kriminalität ab. Wütend drischt er gemeinsam mit Tamer Arslan auf den Sandsack im Hintergrund ein. Auch der letzte Hoffnungsschimmer erlischt, als sich seine Freundin Hannah (Nora Quest) von ihm trennt. Sie nahm ihn in einer amüsanten kleinen Szene mit an die Deutsche Oper zum Ballett-Klassiker „Schwanensee“ und bemühte sich, ihm neue Perspektiven aufzuzeigen. Statt der erhofften Integration bleibt er im Abseits.

Die Live-Malerin Bente Theuvsen, die den Abend ebenso wie der Rapper Elwin Chalabianlou begleitet, reagiert auf dieses Scheitern damit, dass sie statt bisher nur sanfter Striche alles in düsterem Schwarz versinken lässt. Am Ende kauert Yigit alias Amir einsam und verloren auf der Bühne.

Nicole Oder hat als Hausregisseurin am Heimathafen Neukölln z.B. mit „Peng Peng Boateng“ unter Beweis gestellt, dass sie starke Abende zu gesellschaftlich relevanten Themen, vor allem zur Migrationspolitik, gestalten kann. Deshalb lag es nahe, dass Oliver Reese und das Berliner Ensemble ihr angeboten haben, den Text „Amir“, der im Rahmen des Autorenprogramms am BE entstanden ist, uraufzuführen.

Während der Proben wurden die unterschiedlichen Auffassungen aber offensichtlich so gravierend, dass sie sich sukzessive vom Text entfernte, den André Mumot auf Deutschlandfunk Kultur als „Räuberpistole“ einstufte. Anstatt das Projekt ganz zu beenden und etwa völlig Neues in Angriff zu nahmen, kam ein lauer Kompromiss heraus: nichts Halbes und nichts Ganzes. Die Figuren-Konstellation blieb zwar erhalten, vom Dramentext sind aber noch nur Spuren-Elemente übrig geblieben. „Amir“ ist eine Stückentwicklung, die im Probenprozess noch nicht über das Versuchsstadium hinauskam und mit thematisch vergleichbaren Arbeiten am postmigrantischen Gorki Theater nicht mithalten kann.

Mit diesem Ergebnis ist niemand gedient: Weder der Regisseurin noch dem Autor noch dem Theater. Das mit großem Anspruch gestartete und schon durch das Zerwürfnis mit Moritz Rinke ins Schlingern geratene Autorenprogramm wird so zur Blamage.

Bilder: © JR Berliner Ensemble

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