The Present is not enough

Wenige Tage nach dem „Pugs in Love“-Festival im Studio des Gorki Theaters lud auch das Hebbel am Ufer zu einer umfangreichen Festival-Woche voller Installationen, Performances und Filmvorführungen ein. Eine kleine Auswahl dieses Programms möchte ich hier vorstellen.

Eine tolle Idee war es, Künstler*innen und Performer*innen zu bitten, ihre „Manifestos for a queer future“ zu skizzieren. Aus den 270 Einsendungen wurden 26 ausgewählt, die an drei Abenden im HAU 2 präsentiert wurden. Daraus entstand ein sehr diverser Reigen kurzer Miniaturen: interessante kleine Schlaglichter, die unverbunden nebeneinander stehen.

Manchmal handelte es sich um Ausschnitte längerer Arbeiten, die bereits am HAU zu sehen waren, wie von Ian Kaler und Jeremy Wade. In den meisten Fällen waren es aber neue Ansätze. Candice Nembhard reflektierte in einer Mischung aus Spoken Word-Performance auf der Bühne und Kurzfilm-Video im Hintergrund über ihre Gefühle beim Aufwachen nach einer Liebesnacht. Während „The Morning after love“ bereits sehr präzise gearbeitet und rundgeschliffen war, hatten die meisten anderen Projekte noch Werkstattcharakter.

Der Bogen war weit gespannt: Eine Gruppe junger Partygänger feierte ihre Freiheit und ihre zum Teil in blaue Farbe getauchten Körper zu Technoklängen und Stroboskop-Licht. Dieser bunte Farbtupfer war unterhaltsam und brachte etwas Berghain-Flair ans Hallesche Ufer, hallte aber ansonsten kaum nach. Jair Luna, der in der Berliner Tanz-Szene durch mehrere Projekte z.B. im Ballhaus Naunynstraße auffiel und vor wenigen Tagen auch beim Gorki-Festival dabei war, präsentierte eine ästhetische Choreographie im Halbdunkel, bei dem er Kerzenwachs auf seinen Körper tropfen ließ.

Zum Abschluss dieser Revue, von der Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung schwärmte. machte sich das Kollektiv „Cointreau On Ice“ in ihrer „Laudatio“ subversiv über die Rituale von Oscar-Verleihungen und ähnlichen Events lustig.

Einen Streifzug durch die queere Geschichte Ungarns unternahm am darauffolgenden Tag die ungarische Filmemacherin und Aktivistin Mária Takács. In „Hot Men Cold Dictatorships“ treffen zwei Generationen aufeinander: die Älteren, die im Sozialismus um Freiräume kämpfen mussten, und die Jüngeren, die damals noch Kinder waren und nur die Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bewusst miterlebten.

Ihr ästhetisch sehr konventioneller Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015, der erstmals in Deutschland zu sehen war, hat die traurige Pointe, dass auf die mühsamen Schritte hin zu Freiheit und Sichtbarkeit queeren Lebens ein Rollback folgte. Die zarten Pflänzchen der 1990er und 2000er Jahre machte Premier Victor Orbán mit seinem autoritären Kurs zunichte, der frontal gegen Migrant*innen, Queere und die gesamte liberale Demokratie gerichtet ist.

Der Film beginnt und endet mit dem beklemmenden Bild einer Budapester CSD-Parade, die in einen engen Sicherheitskordon aus Gittern und Absperrungen gezwängt wird, vorbei am pöbelnden, mit Gegenständen werfenden Mob.

Zwischen den zum Teil recht langatmigen Zeitzeugen-Berichten gibt es auch immer wieder schöne, kleine Anekdoten, wie z.B. dass die ältere Generation bei einem DDR-Besuch zufällig das legendäre Travestie-Duo Mary & Gordy aus dem West-Berlin der 1980er Jahre im Fernsehen entdeckte und ihre Show in Ungarn nachspielte.

Aus Südafrika war die Choreographin Mamela Nyamza mit ihrer Performance „Black Privilege“ beim Festival zu Gast. Ihr geht es in dieser knappen Stunde um die geplatzten Hoffnungen nach dem Ende des Apartheid-Systems. Als schwarze Königin lässt sie sich von ihrem Zeremonienmeister über ein Schachbrettmuster tragen. Würdevoll thront sie weit über dem Publikum, das hinter einer roten Absperrung sitzt. 

Recht bald wird die Performerin auf einem Power Plate auf ihrem Thron durchgeschüttelt. Sie hat sichtlich Mühe, die Balance zu halten, klammert sich schmerzverzerrt fest.

Am Ende liegt Nyamza am Boden, kriecht über das Schachbrettmuster und folgt den monotonen Befehlen einer blechernen Navi-Stimme. Das Publikum wird, noch während die gestürzte schwarze Königin kriecht, vom strengen Zeremonienmeister mit großer Bestimmtheit aus dem Saal gescheucht.

Die fast wortlose Performance spielt mit rätselhaften Bildern und Motiven, die mythische Anklänge haben. Erst aus dem Begleittext auf dem Abendzettel wird die gesellschaftspolitische Botschaft deutlich, die Nyamza senden will.

Bild 1 und 5: Yazeed, Bild 2: Mona Schlegel, Bild 3: Cointreau on Ice, Bild 4: Hot Men Cold Dictatorships

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