Pugs in love

Tobias Herzberg verabschiedete sich vom Studio Я des Gorki Theaters mit einer Neuauflage des „Pugs in Love“-Festivals, bevor er zur neuen Spielzeit das Kasino des Burgtheaters übernehmen wird. Passend zum Jubiläum „50 Jahre Stonewall“ standen die vier Tage ganz im Zeichen der Erinnerung an Wegmarken der queeren Geschichte. So wurden beispielsweise ab 16 Uhr an drei Nachmittagen mehrere „Sideways“-Touren von Zeitzeug*innen durch Schöneberg und Prenzlauer Berg, die Hotspots schwul-lesbischer Emanzipation in den 70ern und 80ern in West- und Ost-Berlin, angeboten.

Eine philosophisch-kulturgeschichtliche Einordnung des Begriffs „Queerness“ und seiner Geschichte seit der AIDS-Krise der 1980er Jahre versuchte Luce Delire in den kurzen Moderationsblöcken zwischen den „Queer Cabaret“-Performances im Lichthof. Dort traten am Donnerstag einige Künstler*innen auf, die dem Gorki bereits länger verbunden sind und das breite Spektrum queerer Kunst abdeckten.

Es begann leider mit einem Eklat: Trans*-Künstler*in Lux Venérea zog mit ihrer Entourage beleidigt ab, als sie von der Moderatorin höflich darauf aufmerksam gemacht worden war, dass die vereinbarten 15 Minuten bereits abgelaufen sind. Davor beschränkte sich der Auftritt auf einige die Geschmacksgrenzen testenden Gags zu ihrer HIV-Infektion. Nathalie Seiss, die aus P14-Produktionen der Volksbühne bekannt ist und am Gorki in Stören zu erleben ist, huldigte der Vulva mit einem Text von Ariana Battaglia. Sandra Selimović, eine der Protagonist*innen der „Roma Armee“, unterhielt mit ihrer Hommage an einen schwulen Roma-Drag-Künstler, bevor Daniel Hellmann, der als Traumboy für volle Säle sorgte, mit seiner neuen Kunstfigur als Drag-Kuh „Soya the Cow“ umgedichtete Chansons aus den 1920er Jahren zu Keyboard-Begleitung performte.

Ein Höhepunkt des Festivals war die „W(a)rm Holes“-Produktion. Yoni Leyser, von dem zuletzt der Film „Desire will set you free“ zu sehen war, brachte für sein Theaterdebüt im Studio Я charismatische Künstler*innen der queeren Berliner Szene aus verschiedenen Generationen zusammen. Den Abend tragen vor allem zwei Performer*innen: Der brasilianische Tänzer Jair Luna, der zuletzt mit einem Solo am Ballhaus Naunynstraße zu sehen war, eröffnet die einstündige Stückentwicklung mit einer tollen Choreographie, die den mühsamen Weg schwuler Emanzipation symbolisiert. Er kämpft sich durch die Stoffbahnen (Bühne/Video: Shahrzad Rahmani und Camille Lacadee) in die Freiheit und startet eine Party im Berliner Nachtleben, der sich auch die anderen vier anschließen.

Der skizzenhafte Abend „W(a)rm Holes“ lebt außerdem vom Charme und den Lebensweisheiten von Zazie de Paris, die 1975 nach Schöneberg kam und eine der Travestie-Pionier*innen war. Einem größeren Publikum wurde sie als Fanny im Frankfurter „Tatort“ bekannt. Sie erzählt sehr authentisch von den Leiden des kleinen Serge, der auf dem Fußballplatz sofort das Weite suchte und heimlich Ballett-Unterricht nahm und von den traurigen Momenten an den Sterbebetten auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise.

Das „W(a)rm Holes“-Quartett komplettierten Adrian Marie Blount, die erst vor kurzem aus San Diego nach Berlin gezogen ist, und das „Hyenaz“-Duo (Kathryn Fischer und Adrienne Teicher), die für das Sound-Design sorgten und am Samstag zum Festival-Abschluss eine Konzert-Kostprobe ihrer Techno-Klanglandschaften gaben.

Davor las die österreichische Schauspielerin Elena Schmidt, die regelmäßig in Gorki-Produktionen auf der Bühne steht, aus den „City Boy“-Erinnerungen von Edmund White. Dieser Text porträtierte die New Yorker Schwulen-Szene und ihre heimlichen, von Razzien bedrohten Treffpunkte in den 60er Jahren vor dem Wendepunkt von Stonewall. Neben White war der französische Trans*-Mann, Autor und Übersetzer Jayrôme Robinet bei dieser von Deniz Utlu moderierten Gesprächsrunde zu Gast.

Im Kasino des Burgtheaters Wien könnte eine spannende Mischung entstehen, wenn Tobias Herzbergs queere Performances auf die Experimentierfreude des Marstall-Teams treffen, das der Intendant Martin Kušej aus München mitbringt. Es ist zu hoffen, dass wir davon auch einiges als Gastspiele an Herzbergs alter Wirkungsstätte im Studio Я erleben können.

Bild: Esra Rotthoff

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