Tanz im August 2019 – Die zweite Hälfte

Zum Auftakt der zweiten Festival-Hälfte war mit „Body Concert“ eine hübsche Clownerie eingeladen. Boram Kim suchte sich elf Lieblingsstücke aus der Musikgeschichte von Barock bis Pop aus und steckte die sieben Tänzer*innen in schräge Kostüme. Ausstaffiert mit grünen Strümpfen und Pilotenhauben stürzen sie sich unerschrocken in die Choreographien.

Oft parodistisch performen ihre Körper ein unterhaltsames Konzert. Recht beliebig ist eine Nummer an die nächste gereiht, hin und wieder gibt es dazwischen etwas Slapstick. Das „Body Concert“ ist ein kleiner Spaß, den sich Kim gönnte: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Im Programmheft-Interview deutet Kim an, dass er 2010 einen Preis gewonnen hat und den anschließenden Freiraum nutzte, um dieses Stück zu entwickeln.

Die Show beginnt und endet im Parkett, die Performer*innen nehmen Tuchfühlung auf und laden alle Kinder und Teenager ein, anschließend noch Selfies mit ihnen zu machen. Einige Kinder plapperten schon während des Stücks munter dazwischen, was zum anarchischen Charme des kurzen Abends passte und wesentlich weniger störte als die „Erwachsene“, die in regelmäßigen Abständen auf ihrem Display scrollte und damit die Lichtstimmung störte.

Zu Ehren von Merce Cunningham, einem der Pioniere des modernen Tanzes, der dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, wurden an der Volksbühne drei seiner Arbeiten gezeigt. Am stärksten war das verträumte „RainForest“ (1968), eine körperbetont-sinnliche Choreographie und silbernen Luftballon-Wolken, die bei der Original-Inszenierung von Andy Warhol stammten und die munter durch das Volksbühnen-Parkett trieben.

Bild: Laurent Philippe

Ebenfalls vom Centre Chorégraphique National – Ballet de Lorraine aus Nancy wurde „Sounddance“ (1975) getanzt. Hier dominierte die Musik von David Tudor, zu der die Tänzer*innen vor goldenem Vorhang ein „organisiertes Chaos“ performten.

Nach der Pause übernahm das „Dance On“-Ensemble mit Tänzer*innen aus der Ü40-Generation, die 18 nach dem Zufallsprinzip kombinierte Sequenzen tanzten. Dieses 35minütige Stück ist sichtlich von der minimalistischen Musik von John Cage, dem Lebenspartner von Cunningham, inspiriert. Unerbittlich und monoton werden am linken Rand die Sekunden die Sekunden mitgezählt, während die Tänzer*innen ihr Programm ohne Spannungsbogen abspulen.

In meditativer Stille und ganz ohne Musik schweben und tänzeln die sieben Tänzer*innen der japanischen Kaori Seki Companie Punctumun bei der Deutschland-Premiere über die Bühne des HAU 2. Laokoonartig finden sie sich zu immer neuen Zweier- oder größeren Konstellationen zusammen, berühren sich flüchtig und treiben anschließend weiter auf ihrer eigenen Umlaufbahn.

Bild: GO

Konsequent in Dämmerlicht getaucht ist „Wo Co“ ein sehr zarter, entschleunigter Abend, der ästhetisch sehr ansehnlich ist und dazu einlädt, zur Ruhe zu kommen und die kunstvolle, sehr präzise Choreographie, die Ensemble-Chefin Kaori Seki mit ihren sechs Schüler*innen tanzt, auf sich wirken zu lassen.

Auch wenn das Stück mit 75 Minuten etwas lang geraten ist, erntete es zurecht sehr freundlichen Applaus.

Verträumt-surreal war auch die Deutschland-Premiere von „Happy Island“, das die spanische Choreographin La Ribot, der die Retrospektive vor zwei Jahren gewidmet war, mit dem inklusiven Ensemble „Dançando com a Diferença“ erarbeitete.

In farbenfroh-schillernden Kostümen treten die Performer*innen (mit Down-Syndrom oder im Rollstuhl) auf, während im Hintergrund ironisch gebrochen Videos von Bilderbuch-Urlaubs-Kulissen flimmern.

Bild: Júlio Silva Castro

Wie zu erwarten ist auch das Glück auf dieser „Happy Island“ begrenzt, der Abend mündet in eine große Rauferei jeder gegen jeden, bei der sich die behinderten Performer*innen im Video auf ihrer Trauminsel ineinander verknäueln und live auf der Bühne mit überdimensionalen Sonnenscheiben experimentieren.

Die sympathische Choreographie setzt jedoch zu wenige Akzente, die in Erinnerung bleiben.

Ein Tiefpunkt des Festivals war die aktuelle Retrospektive der New Yorker Choreographin Deborah Hay.

Scharenweise verließ das Publikum ihre Neufassung von „The Match“, die sie mit dem renommierten schwedischen Cullberg Ensemble einstudierte. In der Choreographie, die 2004 in New York uraufgeführt wurde, ging es ihr darum, dass Profi-Tänzer*innen ihre antrainierten Techniken beiseite schieben und sich mit einfachsten, tastenden Bewegungen neu an den Tanz heranwagen sollen.

Der Ansatz mag als Kopfgeburt auf dem Antragsformular interessant klingen, ist aber fades Nerd-Theater, das nach fünf Minuten durchschaut ist und sich weitere 50 Minuten redundant weiterschleppt: Storchenhafte Bewegungen und gemurmelte Sprachfetzen reihen sich aneinander.

Anschließend überdeckten „Die Türen“ mit ihrer deutlich zu lauten Live-Musik die Performance „ten“. Das Stück für zehn Tänzer*innen und zwei Pole Stangen stammt aus dem Jahr 1968 und wurde für das Radialsystem neu einstudiert mit bekannten Namen der Berliner Tanz-Szene wie Frank Willens, der während des Dercon-Intermezzos im Volksbühnen-Ensemble tanzte, oder Jeremy Wade, der regelmäßig im HAU auftritt. Auch hier dominieren tastende, minimalistische Bewegungen und avantgardistische Kopfgeburten.

In immer neuen Variationen dirigieren sich die Tänzer*innen gegenseitig an die Stangen: eine davon vertikal wie eine Pipeline, die andere horizontal. In seltsamen Verrenkungen parodieren sie den Drill der klassischen Ballett-Ausbildung, während die Musik monoton dröhnt.

Bild: Dajana Lothert

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