Philoktet

Der 90 Minuten kurze Abend vertraut ganz auf die archaische Wucht von Heiner Müllers Drama. Mit scharfkantigen Sätzen duellieren sich die drei Spieler auf der Kammerbühne des Deutschen Theaters Berlin. Der hämmernde Müller-Sound, mit dem hier durch die Textmassen gepflügt wurd, und die bewusst altertümlich wirkenden Wortkreationen machen den Reiz des „Philoktet“ aus.

Heiner Müllers Lehrstück verlangt seinen Leser*innen und Zuschauer*innen einiges an Konzentration ab. Der Text aus den 1960er Jahren ist wegen seiner klaren Konfliktlinien jedoch wesentlich zugänglicher als sein Spätwerk, in dem sich der Dramatiker zu sehr hinter seiner raunenden Orakelhaftigkeit verschanzt hat. Im „Philoktet“ prallen drei Prototypen aufeinander: der intellektuelle Zyniker Odysseus (Jörg Pose), der für Erfolg und Macht über Leichen geht, der verbitterte, emotionale Außenseiter Philoktet (Edgar Eckert) und der junge Idealist Neoptelemos (Niklas Wetzel), der sich dagegen wehren muss, nur als Werkzeug benutzt zu werden.

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani bleibt nah an Müllers Text und vertraut auf seine handwerklichen Stärken, die ihn in Europa bekannt gemacht haben. Wie bei „Hearing“ (Mehr Theatre-Gastspiel beim FIND-Festival 2016) steht das Wort im Mittelpunkt des Abends. Theatralisch am interessantesten wird die sehr werktreue Inszenierung, wenn die Redeschlachten im letzten Drittel in gelungene Livevideo-Passagen eingebettet sind. Das Trio zieht sich durch eine Luke in den Maschinenraum der Unterbühne zurück. In düsteren Schwarz-Weiß-Szenen nimmt dort die Eskalation ihren Lauf. Die Verzweiflung im Gesicht des mit sich ringenden Niklas Wetzel (frisch von der Falckenberg-Schule bei seinem ersten DT-Auftritt) wird ähnlich wie in „Hearing“ in Großaufnahme nach oben übertragen.

Anders als in seinen letzten Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen bietet Koohestanis kein ironisch-verkopftes Metatheater, sondern setzt ganz auf die Kraft von Heiner Müllers Vorlage. Die große Wertschätzung für Müllers Werk, die der iranische Regisseur im Programmheft-Interview betonte, wird in diesem eindringlichen Kammerspiel sehr deutlich. Schroff lässt er die Konflikte um Lüge und Manipulation aufeinanderprallen, die hier exemplarisch anhand antiker mythologischer Figuren aus dem Trojanischen Krieg verhandelt werden.

Bilder: Arno Declair

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