Das Vermächtnis

Sieben Stunden: das trauen sich im deutschen Theaterbetrieb höchstens Frank Castorf oder Sebastian Hartmann mit ihren assoziativen Ausschweigungen und Stückezertrümmerungen.

Das Residenztheater München wagt es mit einem ganz anderen Konzept auch und lädt zu einer siebenstündigen opulenten Saga ein: „Das Vermächtnis/The Inheritance“ ist dort seit Januar in deutschsprachiger Erstaufführung zu sehen (an diesem Wochenende zog das Schauspiel Hannover mit einer fünfstündigen Fassung nach), die mit allen Mitteln anglo-amerikanischen Infotainment-Theaters die gesamte Klaviatur der Gefühle bespielt.

Das Münchner Publikum hat die Wahl: entweder sieben Stunden mit längerer Pause nach dem Cliffhanger binge-watchen oder in verdaulicheren Häppchen auf zwei Abende verteilt. Regisseur Philipp Stölzl hat einen Kniff gewählt, der seit Jürgen Gosch oft eingesetzt wird: Das komplette Ensemble bleibt über weite Strecken auf der Bühne präsent. Wer gerade nicht dran ist, folgt gebannt dem Spiel der Kollegen oder kommentiert mit kleinen Einwürfen.

In seinen besten Momenten macht dieser lange Theaterabend sehr anschaulich deutlich, was für eine Katastrophe die AIDS-Krise der 1980er und frühen 1990er Jahre war: fast eine ganze Generation junger Homosexueller starb viel zu früh, ganze Freundeskreise wurden ausgelöscht, Nachgeborene müssen auf Vorbilder und Mentoren verzichten. Plastisch wird auch das New Yorker liberale Establishment gezeichnet, das auf Hillary Clinton setzte und vom Wahlsieg von Donald Trump kalt erwischt wurde. Der schnöselige „Toby Darling“ (Moritz von Treuenfels) ist ein besonders unsympathisches Exemplar dieser Spezies. Seine Beziehung zu Eric (Thiemo Strutzenberger) und seinen Toy-Boys (Vincent zur Linden bei seinem eindrucksvollen Debüt im Resi-Ensemble in einer Doppelrolle als Schauspiel-Jungstar-Beau Adam und depressiver Sexworker Leo) ist ein roter Faden dieser Saga.

Vincent zur Linden, Moritz von Treuenfels

In seinen schwächeren Momenten hängt der Abend durch oder balanciert gefährlich nah am Kitsch. Dank des bis in die Nebenrollen mit Vincent Glander, Michael Goldberg, Oliver Stokowski oder Noah Saavedra glänzend besetzten Ensembles stürzt der Abend nie ab. Auch Nicole Heesters sorgt als Margaret, die sich um das ehemalige AIDS-Hospiz kümmert, das Walter aufbaute, und einzige Frau im Männer-Ensemble mit ihrem Gastauftritt dafür, dass das Finale zwar in gewohnter West End- oder Broadway-Dramaturgie tränenreich und kathartisch ist, aber vor Indian Summer-Laub und naturalistischer Klinkerbaukulisse auf Kathi Maurers Bühne nicht in einer billigen Schmonzette versinkt.

Großen Applaus gab es von den erstaunlich vielen, die die langen Abende durchgestanden und mitgelitten haben, für die Spieler, die anschließend – wie in diesen Zeiten üblich – Spenden für die Ukraine sammelten.

Bilder: Sandra Then

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