Franziska Linkerhand

Daniela Löffner steht seit ihrem zum Theatertreffen 2016 eingeladenen Überraschungshit „Väter und Söhne“ für konservatives Literaturtheater, das sich sehr viel Zeit für seinen Text nimmt und mit einem homogenen Ensemble den Plot des Stoffs möglichst werktreu nachzeichnet.

Als Brigitte Reimann Anfang der 1960er Jahre mit ihrem Opus magnum begann, war sie noch ganz auf der Linie des sozialistischen Realismus und des Bitterfelder Wegs und somit eine Vorzeige-Autorin des Regimes. „Franziska Linkerhand“ war zunächst als Entwicklungsroman über ein Mädchen angelegt, das sich von seiner bourgeoisen Familie emanzipiert. Während die bildungsbürgerlichen Eltern vor dem Mauerbau in die Bundesrepublik übersiedeln, verschreibt sich Franziska dem Aufbau des Sozialismus. In diesem ersten Teil des Abends überrascht Kathleen Morgeneyer mit erfrischender Mädchenhaftigkeit als Franziska, die ihren Eltern (gespielt von Helmut Mooshammer und Katrin Klein) Paroli bietet, während Elke Petri als mit Perlen behängte Großmutter gravitätisch über der Familie thront.

Zum Mauerfall-Jubiläumsjahr hat sie sich den heute fast vergessenen Roman „Franziska Linkerhand“ vorgenommen, an dem Brigitte Reimann knapp zehn Jahre lang schrieb und der unvollendet blieb, weil sie 1973 ihrem Krebsleiden erlag. Als der Roman nach einigen Eingriffen der Zensurbehörden posthum veröffentlicht wurde, entwickelte er sich in der DDR vor allem unter Frauen zum Kultbuch, weil Reimann die wachsenden Zweifel ihrer Hauptfigur und das Ringen um Freiräume innerhalb des Systems sehr plastisch und mit viel Empathie schilderte.

Im Lauf des zehnjährigen Schreibprozesses rückten jedoch die Schattenseiten des DDR-Systems in den Mittelpunkt des Buches und somit auch des Theaterabends. Franziska lässt sich voller Idealismus in die Provinz versetzen und will dort bei Städte-Neubauprojekten anpacken. Schnell stößt sie an ihre Grenzen. Die Vorgesetzten beharren darauf, dass die Plattenbauten nach standardisierten Normen hochgezogen werden sollen, um möglichst schnell billigen Wohnraum für die Werktätigen zu schaffen. Franziska möchte Neues ausprobieren, kämpft um mehr Lebensqualität und Kreativität. Ganz konkret setzt sich die Hauptfigur – wie auch Autorin Reimann in Hoyerswerda – für ein Kino in der Trabantensiedlung ein.

Voller Melanchole erzählen Reimanns Buch und Löffners Theaterabend vom Scheitern der Hauptfigur, die sich beruflich an den engen Grenzen des Systems aufreibt und auch privat in einer Serie unglücklicher Liebesgeschichten festgefahren ist. Der Abend wird vor allem von Kathleen Morgeneyer getragen, die überzeugend den Wandel vom kleinen Mädchen zur selbstbewussten Architektin verkörpert.

In Schlüsselszenen wird ihre Leidensmiene per Live-Video auf die ansonsten fast leere Bühne von Wolfgang Menardi projiziert. In diesen Momenten kommt der Erzählfluss bewusst fast ganz zum Stillstand, die Inszenierung zoomt mit den Mitteln des Licht- und Sounddesigns auf diese zentralen Augenblicke heran.

Es spricht für sich, dass trotz der enormen Länge von vier Stunden auch nach der Pause fast alle Plätze besetzt blieben, auch wenn die Handlung in der letzten Stunde etwas ausfranst und z.B. der lange Video-Monolog von Felix Goeser als Franziskas letzter Liebhaber deutlich straffer erzählt werden könnte.

Neben Morgeneyer sind aus dem Ensemble vor allem Maren Eggert als Alkoholikerin Gertrud und Maike Knirsch als Wirtin Frau Hellwig hervorzuheben. Sie bekommen den nötigen Raum für ihre Frauenfiguren, die zum Teil ganz beiläufig sehr Kritisches über die Zustände in der damaligen DDR zu sagen haben.

Die Romanadaption ist handwerklich gut gemacht und löst die Probleme zahlreicher Rückblenden und vor allem die oft abrupten Perspektivwechsel mitten im Satz, mit denen Reimann experimentierte, geschickt. Tonband-Einspielungen mischen sich mit live auf der Bühne gesprochenen Sätzen. Mal doppeln sie sich, mal wechseln sie sich ab oder gehen fließend ineinander über.

Ärgerlich ist allerdings, dass die Regisseurin nicht auf den penetranten Qualm verzichten wollte. Während der vier Stunden breitet sich ein übler Gestank im Deutschen Theater aus, der überhaupt nicht zu der gediegenen Atmosphäre des Hauses passt.

Bilder: Arno Declair

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