Hekabe – Im Herzen der Finsternis

Den Heldenmythen vom klugen Odysseus und tapferen Achill, die Homer in seinen beiden Epen „Ilias“ und „Odyssee“ besang, hat schon einige Jahrhunderte später der Tragödiendichter Euripides mit seinen „Troerinnen“ und seiner „Hebake“ eine andere Perspektive gegenübergestellt. Seine beiden Dramen erzählen vom Leid der weiblichen Opfer, von Demütigungen, von Vergewaltigungen und Sklaverei. Euripdes schilderte die brutale Realität des Krieges, ohne sie durch heroische Stilisierung zuzukleistern.

Seine „Troerinnen“ sind bis heute hin und wieder auf den Spielplänen der Theater, auch dank einer Neufassung von Jean-Paul Sartre unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Die „Hekabe“ ist jedoch fast vergessen: diese Tragödie erzählt von der Rache der trojanischen Königswitwe, die ihre komplette Familie verloren hat, zunächst Polymestor tötet und sich dann in eine Hündin verwandelt.

Die mythische Hekabe, die bei Homer nur eine Randfigur war, aber von Euripides ins Zentrum gerückt wurde, wählte auch der Dramaturg und Autor John von Düffel als titelgebende Protagonistin seines Langgedichts „Hekabe – Im Herz der Finsternis“, das er für das Deutsche Theater Berlin schrieb. In bewusst archaischer Sprache mixt er assoziativ Erzählstränge und Motive von Homer und Euripides und kreist vor allem um die Hündin.

Stephan Kimmig setzte den Text im Stil eines Oratoriums um: die meiste Zeit stehen die vier Spieler*innen Paul Grill, Katharina Matz, Linn Reuse und Almut Zilcher hinter ihren Notenständern und deklamieren die sperrigen Textbrocken von der Rampe ins Publikum: meist einzeln, seltener im Chor.

Begleitet von minimalistischen Klängen (Michael Verhovec) und nur durch eine homöpathische Dosis szenischer Einfälle aufgelockert wird der Text, der einiges an Antiken-Kenntnis voraussetzt, als statisches Frontal-Theater ins Publikum gehämmert.

Erst spät wird dieses Live-Hörspiel durch einige Beatbox-Einlagen von Paul Grill und tänzelnde Lockerungsübungen angereichert. Der Abend schleppt sich dennoch ächzend und ermüdend dahin. Eine sehenswertere, spielerischere Auseinandersetzung mit der klassischen Rezeption der griechischen Antike und aktuellen feministischen Gegenpositionen, wie sie das „Hekabe“-Programmheft mit Carolin Emcke und Laurie Penny zitiert, hat das Deutsche Theater Berlin bereits seit 2018 mit Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ in seinem Repertoire.

Bilder: Arno Declair

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