Beanpole

Als „Dylda“, auf Englisch „Beanpole“, zu Deutsch „Bohnenstange“, wird Iya (Viktoria Miroshnichenko) wegen ihrer schlaksigen Statur verspottet. Das Leben macht ihr außerdem eine posttraumatische Belastungsstörung, wie man heute diagnostizieren würde, zur Hölle. Immer wieder fällt sie minutenlang in Schockstarre, seitdem sie vom Grauen des Zweiten Weltkriegs und der Belagerung ihrer Heimatstadt Leningrad seelisch schwer verwundet wurde.

In der brutalsten, schwer erträglichen Szene des Films legt sie sich auf den sechsjährigen Pashka (Timofey Glazkov), den Sohn von Masha (Vasilisa Perelygina), den sie als Pflegekind übernommen hat, solange die Mutter noch im Fronteinsatz ist. Aus einer zärtlichen Umarmung wird ein tödlicher Übergriff. Obwohl das Kind mehrfach laut „Stop“ ruft, presst sich Iya mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn und nimmt ihm die Luft zum Atmen.

Dieser Mord – oder war es doch nur ein Unfall? – setzt eine unheilvolle Entwicklung in Gang. Als Masha vom Tod ihres Sohnes erfährt, verlangt sie von der „Bohnenstange“, dass sie ihr einen neuen Sohn zur Welt bringen muss, da Masha selbst mittlerweile gebärunfähig ist. Als Vater sucht sich Masha den Leiter der Sanitäts-Abteilung ein, in der beide arbeiten, mit dem sie ebenfalls alte Rechnungen offen hat.

„Beanpole“ ist ein düstere Charakterstudie über eine merkwürdige Beziehungskonstellation voller Übergriffigkeit und Manipulation, die nach außen zunächst wie eine Freundschaft wirkt. Gesprochen wird sehr wenig, dafür um so konsequenter gehandelt.

Regisseur Kantem Balagov wurde in Cannes als große Nachwuchs-Hoffnung gefeiert und für seinen zweiten Film (nach dem Entführungsdrama „Closeness“, 2017) in der „Un Certain Regard“-Sektion mit zwei Preisen ausgezeichnet. Den Namen des erst 29 Jahre jungen Balagov sollte man sich also merken.

Von der Dringlichkeit und der emotionalen Wucht der meisterhaften Filme der bekanntesten, etablierten russischen Filmemacher wie Kirill Serebrennikow und Andrey Zvyagintsev ist „Beanpole“ jedoch noch weit entfernt. Das Drama über die schwer lädierten Opfer des Krieges, die zombiehaft und wie auf Valium agieren, hat zwar vielversprechende Ansätze, hat mich aber nur in wenigen Momenten berührt.

„The Man who surprised everyone“, der schon 2018 in der „Orizzonti“-Reihe in Venedig lief, hat mich in diesem Festivaljahr mehr gepackt. Er hätte noch besser als russische Station zur cineastischen „Around the World in 14 films“-Weltreise in der Kulturbrauerei gepasst.

Der Film hat bisher noch keinen deutschen Verleih.

Bild: AR Content

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