Lib/Strong

Eine bizarre Spielerei entwarf der Schwede Alexander Ekman mit dem französischen Friseur und Modedesigner Charlie Le Mindu für das Staatsballett Berlin: Während sich das Publikum noch bei Small-Talk und Sekt auf den Abend freut, spaziert schon ein zottliges Ungetüm durch das Foyer der Staatsoper und führt eine der Ersten Solistinnen des Hauses galant am Arm. Unter dem Kostüm, das an Chewbacca aus „Star Wars“ erinnert, versteckt sich einer ihrer männlichen Kollegen.

Das nur eine halbe Stunde kurze Stück „Lib“ beginnt mit den grazilen Posen der Diven: jede kleinste Bewegung sitzt minutiös, aber schon beim Zuschauen wird spürbar, wie viel Selbstkasteiung, Härte und Durchhaltevermögen nötig sind, um dieses Niveau zu erreichen.

Die Szenerie wird dadurch aufgelockert, dass plötzlich das haarige Chewbacca-Double aus dem Foyer mit auf die Bühne kommt. Die weiblichen Stars des Hauses verwandeln sich: aus makellosen Ballett-Tänzerinnen, die perfekt einstudierte Bewegungsfolgen präsentieren, werden nun ebenfalls Zottelwesen. Sie setzen sich Perücken auf, lassen sich vom Tanz auf der Spitze in bequemere Modi fallen und sitzen am Ende sehr entspannt als fünf haarige Wesen vorne an der Rampe – Auge in Auge mit dem Publikum.

Ekstatisch geht es nach der Pause bei „Strong“ weiter, der ersten Choreographie, die Sharon Eyal für das Berliner Staatsballet entwickelte. Aus der – von den obligatorischen, aufleuchtenden Smartphone-Displays der Unverbesserlichen gestörten – Dunkelheit taucht eine wogende Masse auf. 50 Minuten lang bewegt sich diese zu einer Mensch-Maschine transformierte Gruppe mit minimalistischen, roboterartigen Bewegungen zu Berghain-Techno-Sound.

Die Tänzer*innen stecken in schwarzen Leder-Korsagen und bleiben stets eine Einheit. Die suggestive Kraft dieser Choreographie erinnert an die marschierenden, stampfenden Chöre von Ulrich Rasches Theaterinszenierungen: beim letzten Theatertreffen-Nachgespräch zu „Das große Heft“ nannte Rasche die international gefragte Choreographin Eyal als eine seiner Inspirationsquellen für seine Arbeiten.

Bilder: Jubal Battisti

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