Der zweite Blick: Das große Heft beim tt 2019

Auch Ulrich Rasche gehört zu den zahlreichen Stammgästen, die uns die Jury beim Theatertreffen 2019 auswählte. Die vielfach geäußerte Kritik, dass in diesem Jahr vor allem Kopien und zweite Aufgüsse bewährter, erfolgreicher Regie-Konzepte laufen, trifft auch auf ihn zu.

Dennoch wurde „Das große Heft“ zurecht nach Berlin eingeladen und war zum Abschluss eines der raren Highlights. Der karge, düstere Roman-Text von Ágota Kristóf korrespondiert noch wesentlich besser als das „Woyzeck“-Fragment im vergangenen Jahren mit den Choreographien, die Ulrich Rasche mit seinem diesmal rein männlichen Ensemble einstudierte.

Der Abend weist über die eingefahrenen Gleise des Sprechtheaters hinaus, das in diesen zwei Wochen oft seine Hilf- und Ratlosigkeit demonstrierte und mit seiner Flucht in Banalitäten scheiterte. Im Publikumsgespräch wurden Rasches Inspirationsquellen deutlich benannt: Dass er mit seinen martialischen Tönen in den Fußspuren Schleefs wandelt, wurde bereits in der aktuellen „Theater heute“-Ausgabe vertieft und ist so offensichtlich, dass es diesmal gar nicht angesprochen wurde. Wesentlich interessanter sind die Impulse von zwei Star-Choreograph*innen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Tanz erneuerten. Wie Ohad Naharin und Sharon Eyal, die vor wenigen Wochen im Haus der Berliner Festspiele mit der tollen Hommage „Mega Israel“ zu Gast waren.

Auch bei Rasche baut sich die Energie in Wellen auf, die sich unerwartet brechen. Ruhige, ungewohnt sanfte Phasen, die dem Zerrbild einer faschistoiden Ästhetik, die Rasche angeblich pflege, deutlich widersprechen wechseln mit den keuchenden, stampfenden Gewaltmärschen, mit denen sich der Tross der acht Zwillingspaare durch „Das große Heft“ kämpft.

Tobi Müller wies in einem Tweet zurecht auf die Musikalität des Abends hin und beschreibt, dass die Sprache oft gegen den Beat geht, an anderen Stellen den Text auf dem Schlag in den Boden rammt. Das Ensemble, das aus vielen Rasche-Neulingen besteht, hat seit der Premiere im Februar 2018 an Qualität und Erfahrung gewonnen, so dass die Schrittfolgen auf den beiden gewaltigen Drehscheiben selbstverständlicher und souveräner wirken. Am nächsten am Tanz ist weiterhin Laszlo Branko Breiding, bei dem das Marschieren auch in den schweißtreibendsten Momenten nicht angestrengt wirkt, sondern mit leichten, seitlichen Drehbewegungen aus der Hüfte heraus sehr elegant wirkt.

Der Abend ist zwar eine Ensembleleistung, aus der jedoch das erste Zwillingspaar herausragt: Moritz Kienemann, der auch mit „Nadryw“-Choreographien schlotternd und zappelnd in Sebastian Hartmanns „Erniedrigte und Beleidigte“ zu erleben ist, und Johannes Nussbaum, der noch während des Studiums an der HfS Ernst Busch für diese Produktion gecastet wurde, von Franz Rogowski als Kerr-Preisträger ausgewählt und den Berliner Bühnen vom Münchner Residenztheater weggeschnappt wurde, haben die stärksten Duette und sorgen für angenehm zarte, ruhige Momente an diesem ansonsten sehr auf dräuende Musik, lautes Deklamieren, Mitleiden und Überwältigung setzenden, fast vier Stunden langen, sehenswerten Abend.

Bilder: Sebastian Hoppe

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