Tanztage 2020

Zwei queere Umdeutungen sind an diesem Wochenende bei den Tanztagen in den Sophiensaelen zu sehen, wo im Januar traditionell jüngere Choreograph*innen ihre Werke vorstellen dürfen.

Caner Tekker, in Duisburg aufgewachsen und derzeit in Amsterdam noch mitten im Studium, nimmt sich in „Kirkpinar“ ein Event von nationaler Bedeutung in der Türkei vor. Seit Jahrhunderten, der Überlieferung nach erstmals seit 1361, treten dort mit Olivenöl eingeriebene Kämpfer zum Ringen an.

Dieser Wettkampf huldigt den klassischer Männlichkeitsbildern: dem Mythos vom starken, ritterlichen Helden, der seine Kräfte im Wettkampf misst und den unterlegenen Gegner zu Boden drückt, schließlich komplett unterwirft.

Tekker und sein Co-Performer Aaron Ratajczyk beginnen ihre Performance mit recht lagatmig-umständlichen Aufwärmübungen und bauen sich aus Stahl-Konstruktionen eine kleine Kampfarena in der Kantine der Sophiensaele, wo ihre Choreographie Premiere hatte.

Langsam nähern sie sich an und dekonstruieren ihren Ringkampf zu einem intimen Duett. Mit nackten, eingeölten Oberkörpern und in Biker-Lederhosen versuchen sie, aneinander Halt zu finden. Aus dem archaischen Duell Mann gegen Mann wird ein oft fast zärtliches Miteinander-Ringen. Aggressivere Momente fließen in Phasen engumschlungener Harmonie. Mit einem Kuss endet die „Kirkpinar“-Performance und arbeitet damit überdeutlich die verdrängte Homoerotik des traditionellen Wrestling-Festivals heraus, das inzwischen sogar auf der Liste des immateriellen UNESCO-Kulturerbes steht.

Noch lauter sind die Beats anschließend im großen Saal bei „Juck“, einem Gastspiel des Stockholmer Dansens Hus. Sechs Mädchen in Schuluniformen kommen auf die Bühne und kokettieren mit dem Lolita-Image. Ihre Performance lebt davon, dass sie die Klischeevorstellungen braver Internats-Mädchen mit Posen aggressiven Machotums brechen.

Sie trommeln sich wie Alphamännchen auf die Brust, bauen sich vor den ersten Reihen des Publikums auf und starren ausgewählte Zuschauer*innen herausfordernd, provozierend an. Vor allem stehen sie aber breitbeinig da und lassen ihre Becken mit rhythmischen Stößen vor und zurück kreisen.

Diese mit Geschlechter- und Rollenbildern spielende Performance tourt schon länger durch Europa und war nun erstmals in Berlin zu sehen. Hier gab es als Vorgeschmack allerdings schon eine dokumentarische Kurzfassung zu sehen: Der Film „Juck“ (schwedisch für „Stoßen“) lief bei der Berlinale 2018 in der Sektion „Generation 14plus“ für Jugendliche und war auch Teil der queeren Teddy-Kurzfilm-Rolle.

Als knapp einstüdige Live-Performance auf der Bühne wirkt „Juck“ natürlich noch intensiver als die Ausschnitte auf der Leinwand. Das Berliner Gastspiel wurde mit viel Beifall bedacht.

Vorschaubild: Linus Enlund, zweites Bild: Gerhard F. Ludwig

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