1917

Neben der starbesetzten „Once upon a time in Hollywood“-Hommage von Quentin Tarantino war das Kriegsdrama „1917“ von Sam Mendes der große Abräumer der Golden Globe-Verleihung 2020.

Diese zweistündige Alptraum-Kamerafahrt durch die Schützengräben trifft punktgenau den Geschmack Hollywoods: der Film folgt der klassischen Spannungsdramaturgie, handwerklich präzise und ohne überflüssige Schnörkel. Das Publikum fiebert hautnah mit, wie zwei sympathische junge Helden, nämlich Lance Corporal William Schofield (George McKay) und Lance Corporal Tom Blake (Dean-Charles Chapman) auf ein Himmelfahrtskommando zwischen den feindlichen Linien geschickt werden.

Mendes zeigt das Grauen des Krieges drastisch und spart nicht mit Details, die seine Zuschauer an die Ekelgrenze führen: Ratten in Großaufnahme säumen ebenso den Weg der beiden jungen Soldaten wie Tierkadaver und Leichenberge. Das Besondere an diesem Film ist, dass die Kamera-Einstellungen von Roger Deakins auf den ersten Blick ohne Schnitt auszukommen scheinen, so dass „1917“ dem Publikum ein atemloses, immersives Erlebnis bescheren, das fast so gut funktioniert wie bei Sebastian Schippers „Victoria“-Tour de Force durch die Berliner Nacht, die Maßstäbe setzte.

Interessant ist, dass Stars wie Colin Firth (General Erinmore) und Benedict Cumberbatch (Colonel Mackenzie) in dieser Großproduktion nur in Kurzauftritten vorkommen. Die beiden Kriegsherren sind der Anfangs- und Endpunkt der Befehlskette. Als Boten müssen die beiden jungen Soldaten William und Tom die kriegswichtige Information überbringen, dass es sich beim Rückzug der deutschen Truppen nur um ein taktisches Manöver handelt und der britischen Armee-Einheit von Toms Bruder eine tödliche Falle droht.

George MacKay und Benedict Cumberbatch

Die zahlreichen packenden Szenen sind es, die „1917“ sehenswert machen. Mendes zahlt aber auch einen Preis für seine Anpassung an die klassischen, sich erst langsam auflösenden Hollywood-Konventionen. Das Ende gerät unter sentimentalen Streicherklängen allzu melodramatisch. Der vor allem visuell überzeugende Film hätte ein stärkeres, konsequenteres Ende verdient.

Dennoch gehört „1917“ zu den besseren Filmen im Oscar-Rennen der Saison 2020 und bekam als verdienten Lohn drei Oscars für die beste Kamera, den besten Ton und die besten visuellen Effekte.

Bilder: Universal Pictures

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