Intrige

Kein Film war im vergangenen Jahr im Wettbewerb von Venedig so umstritten wie „J´accuse“ (im deutschen Verleih) von Roman Polanski. Das lag aber weniger am Film selbst als an der Biographie des Regisseurs.

Der polnische Jude emigrierte in den 60er Jahren zunächst nach Europa, in den 70er Jahren zog er weiter nach Hollywood. Dort liegt bis heute ein Haftbefehl gegen ihn vor. 1977 erhob ein Gericht Anklage gegen ihn, weil er die 13jährige Samantha Gailey betäubt und vergewaltigt haben soll.

Jury-Präsidentin Lucrezia Martel und viele Feministinnen liefen Sturm gegen die Entscheidung, Polanski angesichts dieser schwerwiegenden Vorwürfe den Roten Teppich eines Festivals auszurollen, bei dem er mit dem Großen Preis der Jury dann auch gleich noch den zweitwichtigsten Preis des Festivals nach dem „Joker“ von Todd Philipps verliehen bekam.

Die Preisverleihung wirft schwierige moralische Fragen auf: Lassen sich Werk und Regisseur so einfach trennen?

Wenn man versucht, dies alles auszublenden und sich rein auf den Film auf der Leinwand fokussiert, erlebt man ein handwerklich gut gemachtes, klassisches Polit-Historien-Drama. Polanski und Bestseller-Autor Robert Harris, der auch schon 2013 einen Roman („An officer and a spy“) zu diesem Stoff herausgebracht hat, erzählen nah an den historischen Fakten die Dreyfus-Affäre, die Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts erschütterte.

Dreyfus selbst, ein Soldat, der zu Unrecht des Hochverrats beschuldigt und auf die sogenannte Teufelsinsel verbannt wurde, steht aber nicht im Zentrum des Films. Er wird von Louis Garrel verkörpert, der als so leidende, verhärmte Gestalt zurechtgeschminkt wurde, dass er zunächst kaum wiederzuerkennen ist.

„Intrige“ erzählt den historischen Polit-Thriller aus der Perspektive des Offiziers Marie-Georges Picquart, der recht früh entdeckt, dass der jüdische Soldat Dreyfus nur das Opfer eines antisemitischen Komplotts ist. Je mehr er darauf insistiert, dass die Beweislage nicht nur dünn, sondern regelrecht manipuliert ist, desto vehementer streiten die Verantwortlichen jedes Fehlverhalten ab und setzen stattdessen Picquart unter Druck, dass er die Finger davon lassen soll.

Der Film schildert die damaligen Auseinandersetzungen in klassisch-eleganter Manier und steuert auf das bekannte Finale zu: mit seinem flammenden Appell „J´accuse“ sorgte Schriftsteller Emile Zola für die nötige Öffentlichkeit, die am Ende dazu führte, dass Dreyfus rehabilitiert und Picquart später zum Kriegsminister ernannt wurde.

Natürlich möchte Roman Polanski mit diesem Film eine Botschaft transportieren, dies wird schon in den ersten Dialogen deutlich. Er warnt vor dem Gift des Antisemitismus, das damals zur Zeit der Dreyfus-Affäre in der Mitte der europäischen Gesellschaften grassierte und auch heute noch so schreckliche Taten wie den Anschlag auf die Synagoge in Halle hervorbringt.

Bild: Guy Ferrandis

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