Howl

Vom berühmten Gedicht „Howl“, mit dem Allen Ginsberg die biederen US-amerikanischen Bürger in den 1950er Jahren provozierte, bleiben an diesem Volksbühnen-Abend, der seit November 2019 im Repertoire des Hauses ist, nur Spurenelemente.

Assoziativ bewegte sich David Marton von den Motiven des Textes weg und hin zu seinem Metier, der Musik. „Howl“ ist vor allem ein Konzert mit szenischer Begleitung, ein Stilmix aus Minimal Music, Jazz, sakralen Klängen wie dem „Stabat Mater“, mit denen die 90 Minuten ausklingen, und Klaviermusik von Johann Sebastian Bach.

Der Abend beschwört Erinnerungen an die Castorf-Ära mit vielen bekannten Gesichtern der damaligen Zeit herauf. Gleich zu Beginn stakst Sir Henry, der musikalische Zeremonienmeister des Hauses, im aus der Zeit gefallenen Humprey Bogart-Look über die Bühne und schleudert ein vielfaches „Holy“ ins Publikum. Silvia Rieger drischt im Stakkato-Ton auf den „Moloch“ ein. Wie bei Castorf wird viel geplanscht und gerannt, Hendrik Arnst tritt als brüllender, rassistisch übergriffiger Sheriff auf, Thorbjörn Björnsson übergibt sich. Zwischen all den lange bekannten Namen tauchen nur wenige Spieler*innen auf, die erst nach dem Bruch und Dercon-Intermezzo ans Haus gekommen sind. Zu ihnen gehören Theo Trebs, der als erotische Projektionsfläche im Matrosen-Kostüm zwischen den Figuren wandelt, oder Sarah Maria Sander in stummen Posen.

In seiner schlurfigen, skurrilen, sich in zahlreichen Anspielungen verlierenden Musiktheaterhaftigkeit tritt die „Howl“-Inszenierung von David Marton zu oft auf der Stelle und bleibt vor allem in den Fußstapfen seines Mentors Christoph Marthaler stecken.

Sehr epigonal, aber auch sehr beliebig wirkt dieser Abend, der sich zäh dahinschleppt und wenig mehr als eine konzertante Fingerübung ist, deren Wirkung trotz des Wohlklangs schnell verpufft.

Bilder: David Baltzer

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