Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

60 Jahre wäre Christoph Schlingensief in diesem Jahr alt geworden. Aus diesem Anlass stellte Bettina Böhler, die als Cutterin an seinen provokativen Filmen „Terror 2000“ (1992) und „Die 120 Tage von Bottrop“ (1997) mitgearbeitet hat, eine Hommage an den Regisseur, politischen Kopf und Aktionskünstler zusammen.

Das Ungewöhnliche an dem Film „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist, dass sie auf die üblichen „Talking heads“ verzichtet, auf die Weggefährt*innen, die sich an den Verstorbenen erinnern. Ganz ohne aktuelle Interviews, stattdessen nur aus Archiv-Material gestaltete sie die knapp zwei Stunden.

Chronologisch spannt sie den Bogen über knapp fünf Jahrzehnte: beginnend mit den alten Super8-Aufnahmen aus dem Familien-Archiv des Oberhausener Apotheker-Sohns über die Filme der 80er und 90er Jahre mit Tilda Swinton und Udo Kier, mit denen er damals im Forum der Berlinale polarisierte, bis zu legendären Volksbühnen-Inszenierungen und Polit-Aktionen wie bei den Wiener Festwochen. Nur sein Ausflug nach Bayreuth, der beim Wagner-Clan traumatische Spuren hinterlassen hat und den er bei einem beeindruckenden Matinee-Gespräch mit Gregor Gysi am Deutschen Theater kurz vor seinem Tod anekdotisch reflektiert hat, wird auch schon zu Beginn kurz angetippt. Das Porträt endet natürlich mit seinem Operndorf-Vermächtnis, das seine Witwe Aino Laberenz weiterführt, und mit seinen letzten Arbeiten, in denen er sich wie in „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (eingeladen zum Theatertreffen 2009) mit seiner Krebserkrankung auseinandersetzte.

Das Konstruktionsprinzip ist Stärke und Schwäche zugleich: Positiv ist, dass das Publikum sehr viel O-Ton Christoph Schlingensief bekommt, ganz pur und ungefiltert. Seine Energie und Kreativität werden deutlich spürbar. Negativ ist allerdings, dass die Archiv-Schnipsel auf jeglichen historischen Kontext verzichten, so dass der Film auch etwas oberflächlich und abgehetzt wirkt, wie er pflichtschuldig Station auf Station abhakt.

Wer „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ nicht mehr auf der Berlinale schafft, kann ihn ab 2. April im Kino nachholen.

Bild: © Filmgalerie 451

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