Shirley

Diesen Universitäts-Literaturbetriebs-Thriller von Josephine Decker könnte man als lesbisch konnotierte Mischung aus „Macbeth“, „Rocky Horror Show“ und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ beschreiben.

Vor allem ist „Shirley“ aber ein großer Auftritt von Elisabeth Moss, die mit Mut zur Hässlichkeit eine äußerst manipulative, unter Schreibblockaden leidende Autorin von Grusel-Romanen spielt. Sie verkörpert Shirley Jackson, eine in den USA bekannte Autorin, die gemeinsam mit ihrem Mann, dem Literatur-Professor Stanley Hyman, in den 1950er Jahren in Vermont ein junges Pärchen aufnahm.

Shirley wirkt zunächst apatisch und aufgedunsen. Ihre aggressive Energie ist von Beginn an spürbar, schon beim ersten Abendessen mit den neuen Mitbewohner*innen, denen sie einige Unverschämtheiten an den Kopf knallt. Anfangs scheint es sich bei Shirley um eine impulsive Soziopathin zu handeln, die sich nicht unter Kontrolle hat.

Schnell wird deutlich, wie berechnend sie und ihr Mann vorgehen. Das junge Pärchen, ein Doktorand (Logan Lerman), der für den Traum von der Professur manche Demütigung auf der akademischen Ochsentour in Kauf nimmt, und seine Verlobte (Odessa Young), bekommt von dem Schriftsteller/Akademiker-Paar eine seltsame Rolle zugewiesen: Sie sind Versuchsobjekte für sadistische Spielchen, Zuschauer*innen ihres alltäglichen Schlagabtauschs und vor allem unbezahltes Küchen- und Putz-Personal.

Der Psycho-Thriller lebt vor allem von der Performance von Moss, die mit gehässigem Lachen und abschätzigen Blicken ihre Rolle als fädenziehende Spinne im Netz genießt und eine Frau spielt, die sich selbst als „Hexe“ bezeichnet. Während der Ehemann seinen mittelmäßigen Assistenten vorführt demontiert, bändelt sie mit der Verlobten an und kostet es aus, dass das naive Mädchen erst nach Monaten von ihr erfährt, dass der junge Vater sie seit Monaten mit Studenten auf dem Campus betrügt.

Michael Stuhlbarg, Elisabeth Moss

Der von Martin Scorsese koproduzierte Film „Shirley“ ist einer der Hits dieser Festival-Saison: schon bei der Premiere in Sundance bekam Josephine Decker einen Spezial-Preis der Jury für „Auteur Filmmaking“. Bei der Berlinale konkurriert ihr Werk im neugeschaffenen „Encounters“-Wettbewerb, der experimentellere Erzählweisen und noch nicht so etablierte Künstler*innen fördern will. Damit bekommt sie erstmals auch in Berlin eine größere Bühne, ihre früheren Filme „Butter on the Latch“ und „Thou wast mild and lovely“ (beide 2014) und „Madeline´s Madeline“ liefen nur im Forum des Festivals.

Die lesbisch-queeren Elemente dieses Encounter-Hits haben auch die Teddy-Jury so überzeugt, dass sie „Shirley“ in die engere Wahl für den besten queeren Spielfilm der Berlinale 2020 nahmen. Sie entschied sich jedoch letztlich für das „Futur Drei“-Debpt mit Benjamin Radjaipour.

Bilder: © 2018 LAMF Shirley Inc.

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