Berlinale Teddy 2020

Der große Gewinner der Teddy-Gala an der Volksbühne war ein bemerkenswertes Debüt aus der „Panorama“-Sektion der Berlinale, der Hochburg des queeren Kinos.

„Futur Drei“ von Faraz Shariat (Deutschland)

In seinem stark autobiographisch geprägten Debütfilm erzählt Faraz Shariat vom Coming-out, vom Gefühl der „Zweiten Generation“ von Migrant*innen, zwischen den Stühlen zu sitzen und von drohender Abschiebung. Zunächst folgt der Film dem jungen Parvis (Benjamin Radjaipour aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele), einem Alter Ego des Regisseurs, der als Sohn iranischer Eltern in der niedersächsischen Provinz ausgewachsen ist und das queere Partyleben in vollen Zügen genießt. Seinen Eltern, die den ganzen Tag in einem Supermarkt rackern, damit ihr Sohn es einmal besser haben soll, hier aber nie heimisch wurden und in Gedanken schon wieder zurück im Iran sind, hat er wenig zu sagen. Sie leben in einer anderen Welt.

Benjamin Radjaipour als Parvis; © Edition Salzgeber, Jünglinge Film

Aus seinem Rhythmus von Party und schnellem Sex wird Parvis erst gerissen, als er in einem Flüchtlingsheim nach einem Ladendiebstahl seine Sozialstunden ableisten muss. Dort verliebt er sich in Amon (Eidin Jalali) und beginnt darüber nachzudenken, wie privilegiert er ist und wo sein Platz im Leben ist. Die ohnehin schwierige, heimliche Beziehung der beiden jungen Männer wird noch dadurch komplizierter, dass Amons Schwester Banafshe (Banafshe Hourmazdi) die Abschiebung droht.


„Wir sind die Zukunft“, proklamiert das Trio immer wieder. Der engagierte Debütfilm erzählt von den Hürden, die sie dabei überwinden müssen, und versteht es recht gut, die zahlreichen Themen, die er sich vorgenommen hat, zu verknüpfen, ohne dass der Film überfrachtet wäre. „Futur Drei“ lebt vor allem von seinen drei starken Hauptdarsteller*innen, die beim Casting meist noch an der Schauspielschule waren und mit dem Götz George-Nachwuchspreis ausgezeichnet wurden.


„Futur Drei“ gewann sowohl den Teddy für den besten Spielfilm als auch den Preis der queer.de-Leser-Jury, belegte bei der Panorama-Publikumspreois-Abstimmung den zweiten Rang hinter dem serbischen Drama „Otac“ und startet nach der Berlinale-Premiere am 28. Mai im Kino.

Hauptdarsteller Benjamin Radjapour konnte bei der Teddy-Gala leider nicht dabei sein, da er am nächsten Tag an den Münchner Kammerspielen mit dem neuen Stück von René Pollesch Premiere hatte.

Als besten Feature-Film hatte die Teddy-Jury noch die herausragende lesbische Tour de Force von Elisabeth Moss im Encounters-Hit „Shirley“ von Josephine Decker und die kanadische Historien-Polit-Satire „The Twentieth Century“ in der engeren Wahl.

Als besten Dokumentar-/Essayfilm wählte die Teddy-Jury „Si c´etait de l´armour“ („If it were love“) aus, über die ich hier geschrieben habe. Regisseur Patric Chiha war davon so überrascht, dass er nicht selbst anwesend war, sondern nur eine Video-Botschaft zwischen Umzugs-Kisten senden konnte. Bemerkenswert ist, dass die Preisverleihung genau auf der Bühne stattfand, auf und hinter der große Teile dieses Essay-Films über eine Choreographie von Giselle Vienne im Sommer 2018 gedreht wurde.

Der Spezial-Preis der Jury ging an „Rizi/Days“ des taiwanesischen Künstleres Tsai Ming-Liang. Über diesen Film aus dem Wettbewerb um die Bären habe ich hier geschrieben.

Für den neu geschaffenen Activist Award, den der Unternehmer Harald Christ gestiftet hat, hätte man sich kaum eine bessere Wahl vorstellen können als Maxim Lapidov, der Folter und Massakern in Tschetschenien entkam, und die beiden Moskauer Aktivist*innen Olga und David. Über ihre Arbeit und die hervorragende Dokumentation „Welcome to Chechnya“ von David France habe ich hier geschrieben.

Eine sehr gute Wahl der Teddy-Jury war auch der beste Short Film „Playback. Ensayo de una despedida“ von Agustina Comedi. Die 14 Minuten sind eine schöne Hommage aus VHS-Material an Drag-Performer*innen der Gruppe „La Delpi“, die Ende der 1980er Jahre im argentinischen Cordoba, die damals ihr queeres Selbstbewusstsein feierten, gegen die konservativen Eliten protestierten, die noch von der Militärjunta geprägt waren, und gegen die AIDS-Krise kämpften.

Welche weiteren Filme gab es im Teddy-Programm der Berlinale?

„Las mil y una“ von Clarisa Navas (Argentinien)

Das Panorama eröffnete programmatisch mit dem Porträt einer queeren jungen Generation, die sich mit dem Erwachsenwerden und typischen Themen des Coming-of-Age-Genres wie Mobbing, erster Liebe und Verrat herumschlagen müssen.

Der jungen argentinischen Regisseurin Clarisa Navas gelingen in ihrem zweiten Spielfilm zwar einige schöne Ensemble-Szenen, bei denen sie das Lebensgefühl ihrer Protagonist*innen gut einfängt: Die Figuren schwanken zwischen queerem Selbstbewusstsein, Experimentierfreude, laszivem Dirty Talk und großer Unsicherheit hin und her und sind stimmig gezeichnet. Insgesant plätschert dieses mit zwei Stunden zu lang geratene Panorama einer Generation an der Schwelle zum Erwachsenwerden jedoch zu gefällig und unfokussiert dahin. Der Film lässt eine dramaturgische Zuspitzung vermissen und hakt zu viele Themen nur kurz ab.

Im Zentrum des Films steht die lesbische Affäre zwischen Iris (Sofía Cabrera) und Renata (Ana Carolina García), aber ihr gesamtes Umfeld ist von sexpositiver Freude am Ausprobieren der Geschlechterrollen geprägt. Die fröhliche Sommer-Stimmung wird aber mehr und mehr von Gewalt, übler Nachrede und Einschüchterungen überschattet, bevor das Ende zu sehr ausfranst.

Suk Suk“ von Ray Yeung (Hongkong)

Eine ungewöhnliche queere Liebesgeschichte erzählt „Suk Suk“ aus Hongkong. Zwei Großväter beginnen eine heimliche Affäre: der 70jährige Pak (Tai Bo) und der nur wenige Jahre jüngere Hoi (Ben Yuen).

Vor allem Pak tut sich schwer, zu seinen Gefühlen zu stehen. Er sucht auf Klappen und beim Cruising im Park nur schnellen Sex, reagiert äußerst unwirsch, als sich Hoi zunächst mit ihm unterhalten und ihn kennenlernen möchte.

Regisseur Ray Yeung schildert auch die Rahmenbedingungen dieser Liebesgeschichte, die es den beiden Protagonisten schwer machen, sehr genau: die christlich-konservativen Wertvorstellungen von Hois Familie und die kleinbürgerliche Atmosphäre mit strengen Regeln. In einem wesentlichen Nebenstrang des Films geht es um den Kampf für ein queeres Senioren-Pflegeheim und die Frage, wer von den Betroffenen den Mut aufbringt, für das Anliegen bei einer öffentlichen Ratssitzung einzutreten.

„Suk Suk“ hatte seine Premiere bereits im Herbst 2019 in Busan und passt gut zum queeren Themenschwerpunkt im Panorama der Berlinale. Die Liebe der beiden Protagonisten ist ein interessantes Kontrastprogramm zum Jugend-Kult der queeren Metropolen-Communities und wird auf angenehm entspannte Art erzählt. Allerdings ertrinkt der Film vor allem im letzten Drittel unter kitschiger Klaviermusik, die das zerfasernde Ende überlagert.

Always Amber“ von Lia Hietala/Hannah Reikiainen (Schweden)

Zu den schwächeren Filmen des Festivals zählt das dokumentarische Porträt „Always Amber“ des Regie-Duos Lia Hietala und Hannah Reikiainen.

Sie folgten über mehrere Jahre der Pubertät von Amber, einer schwedischen Transgender-Jugendlichen: vom Streit mit dem besten Freund Sebastian über die Therapie-Sitzungen bis hin zur ersten Liebe zu Olivera.

Der 75 Minuten kurze Film ist zusammengestückelt aus zahlreichen, oft verwackelten Video- und Handy-Kamera-Aufnahmen. Ihr Ziel, der Protagonistin möglichst nahe zu kommen, verfehlen die Regisseurinnen jedoch. Aus der Montage der oft sehr privaten Aufnahmen entsteht kein schlüssiges Bild, „Always Amber“ kommt nicht über eine mäßig interessante Aneinanderreihung von Ausschnitten hinaus.

Petite fille (Little Girl)“ von Sebastien Lifshitz (Frankreich)

Der wesentlich stärkere Dokumentarfilm zum Thema Transgender ist „Petite fille“ von Sebastien Lifshitz. Der französische Panorama-Stammgast hat bereits zwei Teddys gewonnen, u.a. für sein Road Movie „Plein sud“ (2010). Auch diesmal war er zurecht in der engeren Wahl für den Dokumentarfilm-Teddy.

In seinem sehr einfühlsamen Porträt erzählt er vom Kampf um Anerkennung, den die 8jährige Sasha und ihre Mutter, das Zentrum des Films, führen. Die Mitschüler*innen sind wesentlich weiter, aber beim Lehrerkollegium und Direktor dieser Kleinstadt-Grundschule beißen sie lange auf Granit. Nur mit Hilfe einer Spezialistin aus Paris können sie durchsetzen, dass Sasha in Mädchenkleidern in die Schule kommen darf.

„Minyan“ von Eric Steel (USA)

In seinem soliden Debütfilm „Minyan“ erzählt Eric Steel vom Coming-out des 17jährigen David im New Yorker Stadtteil Brooklyn 1986/87. Sein Film ist ganz auf den Hauptdarsteller Samuel H. Levine zugeschnitten, der sich mit großen Augen auf einen Selbstfindungstrip macht.

Ein Problem dieses ambitionierten Debüts ist allerdings, dass Steel zu viele Themen in die knapp zwei Stunden hineinpackt: neben Coming-out und ersten Erfahrungen in der New Yorker Clubszene sind dies vor allem die Emanzipation der Hauptfigur von seiner russisch-jüdischen Einwandererfamilie und die Klärung seines Verhältnisses zur jüdischen Kultur. Darauf spielt auch der Titel „Minyan“ an: dieser Fachbegriff bezeichnet eine jüdische Betgemeinde, die aus mindestens zehn Männern bestehen muss, um einen Gottesdienst abhalten zu können.

Trotz einiger Holprigkeiten und zu sentimentaler Momente in der zweiten Hälfte schafft es Steel recht gut, die zahlreichen angeschnittenen Themen von der AIDS-Krise bis zu antisemitischen Übergriffen schlüssig zu verbinden und in die versöhnende Botschaft des liberalen Rabbi einmünden zu lassen: in seiner Gemeinde sind alle willkommen.

„Vento seco/Dry Wind“ von Daniel Nolasco (Brasilien)

Zu den schwächeren Filmen im queeren Panorama-Programm zählte das Spielfilmdebüt „Vento seco/Dry wind“ von Daniel Nolasco. Sein Eifersuchtsdrama ist im Gewerkschafter-Milieu in einer brasilianischen Kleinstadt angesiedelt und ist etwas zu schleppend und mäandernd erzählt. Der Film pendelt zwischen realistischer Beschreibung und ebenso expliziten wie klischeehaften Leder- und Biker-Fetisch-Szenen hin und her, bevor die Eifersucht zwischen den Akteuren von einer Dreier-Sex-Phantasie und dem erlösenden Regen, auf den die trockene Region so lange wartete, weggespült wird. „Vento seco“ wurde wohl vor allem als Statement gegen die extrem homophobe Politik des neuen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro ins Programm genommen und konnte die nötigen Fördergelder noch von der Vorgänger-Regierung bekommen.

Aber auch in der „Generation 14 plus“, die sich an Jugendliche und junge Erwachsene richten, gibt es immer häufiger Filme, die sich mit queeren Anliegen befassen. In dieser Sektion sind sogar zwei Filme aus Brasilien hervorzuheben.

Alice Júnior“ von Gil Baroni (Brasilien)

So zum Beispiel der sympathische Empowerment-Film „Alice Júnior“ von Gil Baroni, der von einem pubertierenden Trans-Mädchen, das sich von Mobbing nicht kleinkriegen lässt.

Die Figuren sind zwar etwas klischeehaft: die verknöcherte Schulleiterin, die bornierten, hormongeplagten Mitschüler*innen stehen auf der einen Seite, der verständnisvolle Klassenlehrer, der fürsorgliche alleinerziehende Vater und eine kleine Clique von Außenseiter halten zu Alice. Der Plot entwickelt sich recht vorhersehbar und ist ganz darauf ausgerichtet, seine mutmachende Botschaft zu transportieren, die gerade in einem toxischen, transphoben Umfeld wie Bolsonaros Brasilien besonders wichtig ist.

Bemerkenswert an diesem Film ist seine ansteckend gute Laune und die geschickte Manier, mit der „Alice Júnior“ YouTube-Videos, Pop-Songs und Comic-Animationen, einbindet. Die Sektion „Generation 14plus“ der Berlinale ist genau der richtige Ort für diesen Film.

Den Gläsernen Bären als bester Beitrag dieser Sektion gewann der zweite brasilianische Film „Meu nome é Bagdá“.

Der dritte queere Film in der Sektion für Jugendliche und junge Erwachsene ist „Kokon“, ein lesbisches Drama über einen Sommer am Kottbusser Tor mit Jella Haase und Lena Urzendowsky in den Hauptrollen. Dieser Film startet am 30. April in den Kinos.

La Casa dell´amore“ von Luca Ferri (Italien)

Auch im Forum gab es wieder einige queere Experimente. Von seiner schlechtesten Seite zeigte sich diese Sektion bei dem minimalistischen Dokumentarfilm „La Casa dell´amore“ von Luca Ferri.

Der Film zeigt Ausschnitte des Alltags der Transgender-Sexarbeiterin Bianca Dolce Miele und wurde ausschließlich in ihrer Mailänder Wohnung spielt. Die Presse-Vertreter*innen wanderten reihenweise ab, als sich die Szenen ihres unglamousrösen Alltags zäh und ohne Erkenntnisgewinn dahinschleppten. Die Teddy-Jury hatte ihn dennoch in der engeren Wahl als besten Essay-Film, entschied sich jedoch zurecht dagegen.

Bild aus Alice Júnior: © Renato Ogata & Gil Baroni

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