Decamerone

Endlich konnte diese schon für die vergangene Spielzeit geplante Premiere doch noch stattfinden! Kirill Serebrennikow darf Russland zwar noch immer nicht verlassen, steht aber nicht mehr unter Hausarrest. Die Proben für die Koproduktion von Deutschem Theater Berlin und Gogol Center wurden deshalb kurzerhand nach Moskau verlegt.

Für seinen mit mehr als 3,5 Stunden langen Abend wählte Serebrennikow zehn Novellen aus der „Decamerone“-Sammlung von Giovanni Boccaccio und verzichtete bis auf zwei kurze Andeutungen, als die Statistinnen einen Mundschutz trugen, dankenswerterweise darauf, allzu naheliegende Analogien zwischen der Pest-Quarantäne, die Bocaccio als Rahmenhandlung wählte, und der aktuellen Corona-Hysterie zu ziehen.

Stattdessen konzentrierte sich Serebrennikow ganz auf die großen Themen von Bocaccios Novellen: die unerwiderte Liebe, Betrug und Dreiecksverhältnisse. Oft modifzierte er das Original nur leicht, manchmal bleiben nur noch ein Motiv oder Spurenelemente von Boccaccios Vorlage übrig.

Der Abend ist als heiter-melancholisches Panorama der seltsamen Wege angelegt, die die Liebe manchmal geht. Es macht einen Reiz des Abends auf, dass in vielen der kleinen, klar abgegrenzten Miniaturen deutsch-russische Spielpaarungen auftreten: die russischen Gäste werden untertitelt oder sprechen einige Sätze auf Deutsch.

In den ersten beiden Stunden überwiegt die Komik. Dies gilt auch gleich schon für die erste Szene, als Almut Zilcher im Turnhallen-Setting, das Serebrennikow für seinen Liebes-Reigen gewählt hat, die älteren Damen, die als Statistinnen gewonnen wurden, zu kleinen Turnübungen anleitet. Anders als Beatrice Cordua als strenge Drill-Instructorin bei Florentina Holzingers „Tanz“ hat Zilcher jedoch sehr damit zu kämpfen, die Aufmerksamkeit der Turnerinnen zu bekommen. Sie interessieren sich mehr für den attraktiven Jeremy Mockridge, der sich halbnackt neben ihnen dehnt und streckt.

Vor allem Regine Zimmermann spielt sich in den Szenen immer wieder in den Vordergrund. Sie ist es, die oft die Fäden zieht in den Liebes-Dreiecken, sich nimmt, was sie will oder ihren Ehemann mit kleinen Tricks in die Irre führt.

Melancholischer und düsterer wird die letzte Stunde nach der Pause, wenn der Szenen-Reigen im Herbst und Winter ankommt. Die spielerischen und neckischen Momente, die fast jede der ersten Paar-Konstellationen prägte, sind einem ernsteren Ton gewichen. Übergriffe, Drohungen, Verzweiflung und Ausweglosigkeit sind die Themen der letzten Geschichten dieses langen Abends.

Auch Georgette Dee, die zwischen den Miniaturen immer wieder mit Liedtexten, z.B. von Else Lasker-Schüler oder Thomas Brasch, auftritt, bekommt im letzten Drittel noch mehr Raum für ihre sehnsuchstvoll-rätselhaft-melancholischen Soli und darf die neunte Geschichte des Abends vom Wolf allein vortragen.

Decamerone von Kirill Serebrennikov nach Motiven von Giovanni Boccaccio in zehn Geschichten Regie / Bühne: Kirill Serebrennikov Choreografie: Evgeny Kulagin Kostüme: Tatyana Dolmatovskaya Komposition / Musikalische Leitung: Daniel Freitag Video: Ilya Shagalov Licht: Robert Grauel, Sergey Kucher Pers. Mitarbeiterin des Regisseurs: Anna Shalashova Dramaturgie: Birgit Lengers Auf dem Bild: Aleksandra Revenko, Georgiy Kudrenko

Das „Decamerone“ endet schließlich damit, dass die Statistinnen, die bis dahin kaum zu Wort kamen, private Anekdoten aus ihrem Beziehungsleben erzählen und sich Marcel Kohler an eine imaginäre „Sie“ erinnert, die sein Tod war.

Die große Stärke von Serebrennikow, Tanz und Theater virtuos zu verbinden, blitzt diesmal nur selten auf. Sprechtheater steht diesmal im Mittelpunkt seines „Decamerone“, das eine Collage hübscher Miniaturen ist. Sein Ansatz, aus vielen kleinen Geschichten von den Facetten der Liebe zu erzählen, erinnert fast ein wenig an Arthur Schnitzler. Ähnlich viel Zeit nimmt sich Serebrennikow auf jeden Fall.

Bilder: Ira Polyarnaya

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