Urfaust/FaustIn and out

„Habe nun ach…“ hebt Günter Franzmeier immer wieder an. Dieser Faust in seinem Studierzimmer verheddert sich in seinem berühmten Monolog im Loop und wird zur lächerlichen Figur.

Während Goethes Prototyp eines Mansplainers oben in seiner Loge deklamiert, verrichten unten drei zombieartige Wesen ihre Alltagsrituale: Zähneputzen, Waschen, Bügeln, Teetrinken.

Den „Urfaust“ von Goethe verschneidet Bérénice Hebenstreit in dieser Inszenierung, die noch kurz vor dem Corona-Lockdown auf der Kellerbühne des Volx/Margarethen in Wien Premiere hatte, mit Elfriede Jelineks „FaustIn and Out“. Diese Textfläche ist selbst für Jelinek-Verhältnisse besonders ätzend und gallig.

2012 sinnierte die Literatur-Nobelpreisträgerin über die merkwürdige Häufung von Fällen, bei denen Mädchen in österreichischen Kellern festgehalten wurden, mal nach einer Entführung wie bei Natascha Kampusch, mal in einem Inzest-Drama vom eigenen Vater wie Elisabeth Fritzl.

Anspielungsreich und voller Kalauer kommentieren die Spieler*innen den Machtmissbrauch. Jelineks assoziativer Gedankenstrom bettet die konkreten Fälle in aktuelle Debatten über Unterdrückung und Ausbeutung ein, landet an den Supermarktkassen und gipfelt in einem feministischen Wut-Rap von Nadine Quittner. Aus dem braven Gretchen, dass sich wehrlos und ohnmächtig die Haare mit dem Bügeleisen plätten ließ, wurde eine Aktivistin.

Die knapp 90 Minuten setzen ganz auf Jelineks Sprachgewalt. Die kalauernden Kaskaden prasseln auf das Publikum und machen diese Inszenierung sehens- und hörenswert. Spielerische Momente kommen an diesem textlastigen Abend jedoch etwas zu kurz.

Bilder: © Christine Miess / Volkstheater

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