Zdeněk Adamec

„Warum tut einer so was?“ fragte Susanne Klingner im Sommer 2003 in der Wochenend-Ausgabe der taz. Sie begab sich auf eine Spurensuche, wenige Monate nachdem sich ein 18jähriger aus einem böhmischen Provinzstädtchen auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannt hat. Genau an dem Ort, an dem sich im Januar 1969 der Student Jan Palach aus Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ angezündet hat.

Zwei Jahrzehnte später griff Peter Handke diese wahre, rätselhafte Begebenheit in seinem Roman „Die Obstdiebin – oder – Einfache Fahrt ins Landesinnere“ (2017) auf und veröffentlichte im August 2020 „Zdeněk Adamec: Eine Szene“. In dieser Textfläche machen sich einige Stimmen, die nicht näher zugeordnet werden, auf die tastende Suche nach den Motiven für den Suizid von Zdeněk Adamec.

Stilistisch sind die schmalen 70 Seiten ein Hybrid aus der träumerisch-weltabgewandten, sich an Naturidyllen berauschenden Prosa von Peter Handke und erstaunlich vielen Kalauern und Gedankensplittern, die ironisch das zuvor Gesagte in Frage stellen und eher an Handkes Landsfrau und Literaturnobelpreisträger-Kollegin Elfriede Jelinek erinnern.

Der raunend-schwurbelnde Ton des Textes macht die Lektüre anstrengend und nur für Handke-Aficionados empfehlenswert. Szenisch hat dieser assoziative Gedankenfluss kaum mehr Potenzial als das Telefonbuch von Recklinghausen. Eine Inszenierung von „Zdeněk Adamec“ ist also eine gewaltige Herausforderung für die Regie.

Bei der Uraufführung des Textes bei den Salzburger Festspielen mühte sich Friederike Heller daran ab, allerdings mit mäßigem Erfolg, wenn man den Kritiken vom Sommer glauben darf. Für die deutsche Erstaufführung von Jossi Wieler, bis 2018 Intendant der Oper in Stuttgart, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin richtete Jens Kilian eine Guckkasten-Bühne voller Heiligen-Bilder ein, die nach 80 Minuten in ihre Einzelteile zerfällt.

Statt einer überzeugenden Inszenierungs-Idee, die bei diesem Text besonders notwendig wäre, lässt Wieler seine sechs Spieler*innen weitgehend alleine. Der Text wird meist sitzend abgespult. In dieser extrem statischen Inszenierung ist es schon das Maximum an szenischer und choreographischer Phantasie, wenn sich jemand aus dem Ensemble zwei Schritte zur Seite bewegen darf.

Der Hauch einer Idee, wie man den Text auf die Bühne bringen kann, ist nur bei der Aufteilung der Textmassen auf die Spieler*innen zu sehen: Lorena Handschin bekommt den dankbarsten Part und darf in den poetischen Passagen schwelgen, in denen Handke in seine geliebten Wälder eintaucht. Simon Strauss hat sie in seiner FAZ-Hymne deshalb auch besonders hervorgehoben. Die detailverliebten, mansplainenden Abschnitte, in denen Handke mit einer Fülle nebensächlicher, hyperexakter Informationen den Recherche-Auftrag der Presse karikiert, teilen sich Linn Reusse (mit strenger Brille) und Regine Zimmermann, die sich in einer Szene auch die Wortschöpfungen und Kalauer auf der Zunge zergehen lassen darf. Ihre drei männliche Kollegen Felix Goeser, Marcel Kohler und Bernd Moss bekommen über weite Strecken nur kurze Einwürfe.

Bild: Arno Declair

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