Adolescentes

Unterschiedlicher könnten die beiden Protagonistinnen der Langzeit-Doku „Adolescentes“ kaum sein: Emma wächst wohlbehütet in einem linksliberal-bürgerlichen Haushalt auf. Anaïs stammt aus prekären Verhältnissen, die Familie erleidet einige Schicksalsschläge, die stark adipöse Mutter wird schwer krank, die Wohnung brennt ab.

Die beiden Klassenkameradinnen leben in einer französischen Kleinstadt und sind seit dem Sandkasten miteinander befreundet. In der Pubertät entwickeln sie sich jedoch deutlich auseinander: Emma träumt von einer Karriere als Schauspielerin und wirkt kapriziös und verwöhnt. Wesentlich reifer erscheint am Ende der fünfjährigen Langzeit-Beobachtung (2013-2018) ihre Freundin Anaïs, die anfangs deutlich unsicherer war und darunter litt, dass sie den Schönheitsidealen weniger entspricht, jedoch mit beiden Beinen fest im Leben steht und zielstrebig Kindergärtnerin oder Altenpflegerin werden möchte.

Die Sympathien des Regisseurs Sebastien Lifshitz gehören eindeutig Anaïs, sie erhält im Lauf der knapp zwei Stunden wesentlich mehr Raum, macht aber auch die größeren Schritte. Interessant wird die Doku immer dann, wenn der politische Zustand der „Grande Nation“ in den Alltag der Mädchen hineinragt. Während Anaïs und ihr Vater enttäuscht sind, dass Marine Le Pen bei der Präsidentschafts-Stichwahl 2017 unterlag und befürchten, dass Macron nur Politik für die „Reichen“ machen wird, nimmt Emma das Ergebnis gleichgültig hin und winkte müde ab, als ihr Vater von der Euphorie der politischen Linken nach dem Wahlsieg von Francois Mitterrand im Mai 1981 schwärmt. Aufschlussreich ist auch, wie die Schulklassen über die Anschläge auf Charlie Hebdo und Bataclan im Januar und November 2015 diskutieren.

Wie die meisten Teenagerinnen beschäftigen aber auch Emma und Anaïs andere Themen deutlich mehr als die politischen Einschläge: Wie schaffen sie es, dass sich die coolen Skater-Boys auch für sie interessieren? Wie vermeiden sie es, in der Schule sitzenzubleiben? Sehr ausführlich dokumentiert Lifshitz vor allem den Streit der beiden Mädchen mit ihren jeweiligen Müttern: die Diskussionskultur unterscheidet sich in Wortwahl und Stil zwischen den beiden Milieus deutlich, aber nicht in der Heftigkeit der Auseinandersetzung. Diese Passagen aus dem Alltag der Mädchen sind deutlich zu lang geraten, so dass die Dokumentation oft redundant wirkt und bis zu den nächsten spannenderen Sequenzen durchhängt.

Fokussierter und besser geschnitten als die Langzeit-Doku „Adolescentes“ war das Porträt „Petite fille“ über die Grundschülerin Sasha, die sich dagegen wehrt, im biologischen Junge-Mädchen-Schema auf die Rolle eines Jungen festgelegt zu werden. Dieser Film von Sebastien Lifshitz hatte im Februar 2020 im Panorama der Berlinale Premiere und ist bis 30. Januar 2021 in der arte-Mediathek abrufbar.

„Adolescentes“ wurde schon ein halbes Jahr früher in Locarno 2019 veröffentlicht, lief anschließend auf einigen Festivals wie in London und war in den vergangenen Tagen bei der Französischen Filmwoche 2020 online zu sehen.

Bilder: Ad Vitam

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