7 Schwestern

Eigentlich ist diese Performance des She She Pop-Kollektivs längst abgespielt. Vor zehn Jahren, im Dezember 2010, hatte sie im HAU Premiere, als Matthias Lilienthal dort Intendant war. Das Archiv von She She Pop verzeichnet nur noch ein paar Spiel-Termine im Jahr 2011. Wolfgang Behrens schien mit seiner Nachtkritik-Prognose recht zu behalten: „Es steht zu befürchten, dass die <7 Schwestern> schneller vergessen werden, als es ihnen lieb sein kann.“

Doch ein Jahrzehnt später tauchen die „7 Schwestern“ wieder auf: online als Streaming-Angebot in der Corona-Pandemie. Schon im 1. Lockdown im April war der Mitschnitt bei den Münchner Kammerspielen abrufbar, nun im 2. Lockdown für drei Tage im Rahmen des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache. Neben einigen aktuellen digitalen Gastspielen aus Berlin, Hamburg und München sind die „7 Schwestern“ die einzige Arbeit, die eigens aus dem Archiv geholt wurde.

Das ist verwunderlich, denn von She She Pop gibt es wesentlich stärkere Arbeiten als die „7 Schwestern“, z.B. „Schubladen“, eine humorvolle Auseinandersetzung mit den Ost-West-Biographien der Performerinnen, die ähnlich alt, aber wesentlich sehenswerter und immer noch im Repertoire der Gruppe ist.

Der Archiv-Stream „7 Schwestern“ ertrinkt hingegen in schier endlosem Palavern über einige Schlüsselbegriffe aus Tschechows berühmtem Drama „Drei Schwestern“. In perfektem Corona-Abstands-Setting sind die vier Spieler*innen in unterschiedlichen Räumen und werden per Live-Cam zugeschaltet. Vom Klo aus trägt Ilia Papatheodorou einige Passagen des Dramas aus einem abgegriffenen Reclam-Heftchen vor. Die anderen drei machen sich an ein ironisches Re-Enactment, abwechselnd hakt jemand ein und greift zentrale Begriffe aus dem Kosmos der Tschechow-Figuren.

In Streitgesprächen oder längeren Monologen denken die vier Performer*innen über Arbeit, Nichtstun, Langeweile nach, machen einige Schlenker zur Theorie des postdramatischen Theaters und vor allem zum Feminismus und dem Begriff der „Schwesternschaft“.

Die Szenen mäandern dahin, es wird unendlich viel geredet, aber ohne den Biss und Tiefgang, die bessere She She Pop-Arbeiten auszeichnen. Wer durchhält, wird mit einer schönen Szene belohnt: „Nach Moskau!“ schickt Sebastian Bark die Kinder, die ab der Hälfte der Inszenierung in einem Video-Fenster unten rechts eingeblendet waren, aber für die Frauen um die 40 nur ein Klotz am Bein waren. Lisa Lucassen wagte sich zuvor schon einmal in das Kinderzimmer und erklärte dem Nachwuchs, wie wenig sie von ihm hält und wie sehr er sie bei der Selbstverwirklichung stört.

In dieser bösen Schluss-Szene fordert Bark die Kinder auf, dass sie jetzt einen Ausflug machen sollen: immer geradeaus, auf keinen Fall zurück nach Hause. Wenn sie gefragt werden, wo sie hin wollen, sollen sie sagen: Raus aus dem System! Dann haben die vier She She Pop-Fortysomethings-Erwachsenen, die sich in Tschechow-Lethargie gemütlich eingerichtet haben, endlich Ruhe vor den anstrengenden Blagen!

Bild: Benjamin Krieg

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