Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer

In sterilen Corona-Boxen, die von fünf Live-Kameras umkreist werden, nähern sich vier Spieler*innen an die tragischen Verstrickungen des Mann-Clans an.

Die neue Arbeit des „RAUM + ZEIT“-Kollektivs (Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein) ist halb Familienaufstellung und halb Geisterbeschwörung. In szenischen Miniaturen verschwimmen Traum und Realität, literarische Figuren und reale Charaktere des Mann-Clans. Im Zentrum der 70 Minuten steht Erika Mann, die von zwei Ensemble-Neuzugängen verkörpert wird: von Katharina Bach, die vom Schauspiel Frankfurt kam, und von Svetlana Belesova, die zuletzt in Bochum engagiert ware. Sie spielen Erika Mann, die daran scheiterte, sich von ihrem dominanten Übervater, dem Nobelpreisträger Thomas Mann, zu emanzipieren, dem sie als Privatsekretärin diente, und die auch im Schatten ihres geliebten Bruders Klaus Mann stand.

Der Live-Stream-Abend erzählt, wie sie 1969 in der Familien-Villa über Zürich auf ihr Leben zurückblickt, auf ihr Verhältnis zu Vater und Bruder, während einige hundert Kilometer weiter Luchino Visconti die Novelle „Tod in Venedig“ verfilmte. Während die Inszenierung sonst nur mit hingetupften Impressionen arbeitet und durch das häufige Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit in einem eigentümlichen Schwebezustand bleibt, ist diese Passage ungewöhnlich explizit: Bernardo Arias Porras, der gerade von der Berliner Schaubühne nach München wechselte, krümmt sich als Tadzio lasziv und schlangenhaft, während Jochen Noch als Aschenbach bis zur Peinlichkeitsgrenze wieder und wieder über sein Begehren für den jungen, schönen Körper sprechen muss.

Erst in den letzten Minuten verlassen die Spieler*innen ihre Glaskästen, in denen sie voreinander abgeschottet waren. Zu spät wagen Klaus und Erika Mann die Konfrontation mit dem Vater. Auch für die Inszenierung kommt dieses Aufbäumen zu spät: spröde und rätselhaft bleibt die Annäherung an die unglückliche Familie Mann, die vor allem für Literaturwissenschaftler und Mann-Aficionados reizvoll sein könnte.

Bilder: Heinz Holzmann

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