Corona-Passionsspiele

Mit ein paar Songs, die Nicolas Stemann, Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich, nebenher im ersten Lockdown komponierte, während er vor allem damit beschäftigt war, die Maschinerie des geschlossenen Theaters am Laufen zu halten, begann diese Erfolgsgeschichte. Die „Corona-Passionsspiele“ entwickelten sich als „work in progress“ zu einer ebenso klugen wie witzigen Reflexion über den Ausnahmezustand der Pandemie. Mitten im zweiten Lockdown, der mit einigen Wochen Verzögerung auch in der Schweiz beschlossen wurde, hatte heute die Winter-Ausgabe, „Corona-Passionsspiele Vol. 3“, Premiere – wie immer live aus dem Zürcher Schiffbau und mit Nicolas Stemann am Klavier. Auch wenn manchmal das Prinzip „Reim Dich oder ich fress Dich“, aber die Songs bauen klug chronologisch und dramaturgisch aufeinander auf.

Düster beginnt die neue Version: „Ich kann nicht mehr – Da ist kein Horizont“ klagt Stemann in seinem sehr persönlichen Intro, einem von drei neuen Songs, mit dem er sicher vielen nach 10 aufreibenden Pandemie-Monaten und zu wenig Licht am Ende des Tunnels aus der Seele spricht. Auch der zweite neue Song „Die Mutation“ im Gruft-Rock-Stil macht wenig Hoffnung: „Sie kommt herbei! Sie kommt heran! Sie fasst Dich an! Sie hat Dich schon!“, röhrt es aus Zürich auf die heimischen Tablets und Laptops.

Nur der dritte Song ist etwas versöhnlicher: bei Leila Vidal-Sephiha klingt die „Zweite Welle“ gar nicht mehr so bedrohlich, wenn sie sich als sanfter Chanson „La deuxieme vague“ ans Ohr schmeichelt. Die Ironie und das Spiel mit sehr verschiedenen Musik-Stilen sind das Markenzeichen der „Corona-Passionsspiele“. Die Revue zitiert sich munter durch die Genres, nach dem depressiven Intro des Regisseurs zieht sein Ensemble zu sakralen Klängen in einer langen Prozession herein und spielt auf den Ursprung der Passionsspiele zur Seuchenbekämpfung ein.

Die Ballade „They don´t care about artists any more“ beklagt bissig, dass sich die Politik nur in Lippenbekenntnissen um die Kultur kümmern und vor allem viele Freischaffende existentielle Nöte haben, während die Lufthansa mit Milliarden gerettet wird und die Skigebiete in der Schweiz weiter geöffnet sind. Musikalisch sind Titilayo Adebayo in „Es ist nur ein Stich“ und Tabitha Johannes mit ihrer NDW-Revival-Hymne an das „Plexiglas“ die Highlights, politisch ist die „Nazi Hippies in Berlin“-Abrechnung im Reggae-Sound mit den „Querdenkern“ das stärkste Statement.

Als Bonus-Track hat Karin Pfammatter recht früh am Abend einen denkwürdigen Auftritt als Punk-Rock-Lady im „Züri brännt“-Stil, in dem sie sich wie schon im gleichnamigen Schweizer „Tatort“ von einer ganz anderen Seite zeigen darf als in ihrer „Der Mensch erscheint im Holozän“-Elegie.

Mit scharfer Kritik, Spielfreude und Witz sind die „Corona“-Passionsspiele“ eine der interessantesten Produktionen dieser ungewöhnlichen Spielzeit und gerade in ihrem „Work in Progress“-Charakter ein spannendes Zeitdokument.

Bilder: Gina Folly

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