A Room of Our Own

„Ganz ehrlich, das Theater, das ich vermisse, gab es noch gar nicht“, seufzt Judith, die fiktive Schwester von William Shakespeare. Als Gespenst und Stimme aus dem Off begleitet sie uns durch den kurzen, halbstündigen Essay-Film „A Room of Our Own“.

Lohnend sind vor allem die ersten fünf Minuten, in denen Birte Schnöink die Botschaft des feministischen Essays auf den Punkt bringt. Die Schauspielerin, die zehn Jahre am Thalia Theater Hamburg engagiert wurde und vor allem als „Julia“ in Jette Steckels toller Shakespeare-Liebestragödien-Inszenierung im Gedächtnis ist, spricht die Kommentare der fiktiven Judith Shakespeare geisterhaft-raunend aus dem Off. Sie beschwört den Verlust der Gemeinschaft und die Krise der Versammlung und ruft all die Vergessenen und Marginalisierten, die feministischen und queeren Stimmen der Theater- und Kulturgeschichte, an. Das sind so viele, dass sie nicht mal im leeren Theater genug Platz hätten, betont Judith.

Zeit für einen Neustart, einen feministischen Reboot des Theater- und Gesellschafts-Systems. Diese Forderung untermauert das „Swoosh Lieu“- Kollektiv (Johanna Castell, Katharina Pelosi, Rosa Wernecke) mit einer Stadtguerrila-Aktion: sie überkleben die Schilder des Willy Brandt-Platzes und die Plakate vor dem Schauspiel Frankfurt. Judith alias Birte Schnöink setzt derweil im leeren Mousonturm-Saal ihre Reflexion fort: außer den üblichen Keywords feministischer und soziologischer Theorie widmet sie sich vor allem Virginia Woolf, die mit ihrem Essay „A Room of One´s Own“ einen der grundlegenden Texte der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts geschrieben hat und eine geistige Patin dieses Theater-Films ist.

„A Room of Our Own“ ist eine interessante, kleine Intervention aus der freien Szene in die aktuellen Debatten über die Zukunft des (Stadt-)Theaters und zugleich eine der gelungeneren Reflexionen über den Corona-Lockdown-Ausnahmezustand. Wie ein Fremdkörper wirkt allerdings der kurze, satirische Schlenker mit dem Gastauftritt einer Fake-Reproduktionsmedizinerin, der kaum in den restlichen Essay eingebunden ist. Der Film ist noch bis 27. Januar 2021 beim Künstlerhaus Mousonturm online abrufbar.

Bilder: Swoosh Lieu

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