Online-Berlinale 2021, Tag 2

Vom Zusammenbruch eines Polizisten erzählt Xavier Beauvois im französischen Wettbewerbs-Film „Albatros/Drift Away„. Mit dem Familien-Idyll der ersten Sequenz ist es bald vorbei: Die Handlung setzt ein, als der Polizist Laurent (Jérémie Renier) seiner langjährigen Partnerin Marie einen Heiratsantrag macht, sie gemeinsame Zukunftspläne vom Glück zu dritt schmieden und sich einen Sandwich-Kuss mit ihrer Tochter Poulette in der Mitte geben.

Zur Hälfte dieses sehr schematisch gebauten Dramas folgt die Peripetie: beim Einsatz gegen den Bauern Julien, der zusammen mit seinen Gelbwesten-Mitstreitern gegen die Vorschriften der EU-Landwirtschaftspolitik kämpft, kommt es zu einer tragischen Verkettung der Ereignisse. Mit dem Vorsatz, einen Suizid des Bauern durch einen Rettungsschuss zu verhindern, trifft Laurent seinen Bekannten tödlich.

Schier endlos wird nun gezeigt, wie Laurent völlig paralysiert ist. Im Lauf des Verfahrens, das gegen ihn eingeleitet wird, quittiert er den Polizeidienst und macht sich mit dem titelgebenden Albatros-Segelboot auf einen Trip über den Atlantik. Unterlegt vom „Stabat Mater“ von Pergolesi und dem „Requiem“ von Fauré ringt Laurent mit seinen Schuldgefühlen und inneren Dämonen, erlebt seine Katharsis und landet wohlbehalten am Steg, wo schon seine Frau im Brautkleid und seine Tochter zum kitschigen Happy-End auf ihn warten.

Das Drama ist trotz einiger starker Bilder derart klischeehaft nach Schema F gedreht, dass „Albatros“ weit hinter dem beklemmenden Meisterwerk „Von Menschen und Göttern“ zurückbleibt, mit dem Beauvois in Cannes 2010 seinen bisher größten Erfolg feierte und den Großen Preis der Jury gewann.

Sehr häufig war der rumänische Autorenfilmer Radu Jude in den vergangenen Jahren bereits zu Gast, zuletzt im vergangenen Jahr mit zwei Werken im Forum. Sein Wettbewerbs-Film „Bad Luck Banging or Loony Porn/Babardeală cu bucluc sau porno balamuc“ ist eine schrille Farce mit groteskem Camp-Finale. Das satirische Triptychon mäandert bis dahin allerdings oft sehr schleppend dahin. Erst nach mehr als einer Stunde kehrt Jude zum Ausgangspunkt zurück: eine Lehrerin filmte den Sex mit ihrem Mann als Amateur-Porno, der allerdings im Netz landete und einen Shitstorm der Eltern auslöste. Deshalb muss sie sich nun auf einer Schulversammlung rechtfertigen, bei der vom ellenlange Webtexte zitierenden Mansplainer über den zotenreißenden Pausenclown bis zum mit rassistischen Stereotypen um sich werfenden Reaktionär ein breites gesellschaftliches Spektrum vertreten ist.

© Silviu Ghetie / Micro Film 2021

Radu Judes Film hat seine witzigen Momente, tritt aber zu oft auf der Stelle, vor allem der Mittelteil, in dem er Lexika-Einträge parodiert, kommt zu oft nicht über Flachwitz-Niveau hinaus. Als rasanter, gut geschnittener 45- oder 60-Minüter hätte „Bad luck…“ viel Potenzial, das Jude verschenkt.

In einem äußerst durchwachsenen Wettbewerbs-Jahrgang ohne echte Highlights entschied sich die Jury dennoch dafür, „Bad luck…“ von Radu Jude den Goldenen Bären zu verleihen.

Dabei mag auch folgender Aspekt eine Rolle gespielt haben: Es ist bemerkenswert, dass die Corona-Pandemie und die Alltagsmasken in diesem Film, der im Herbst 2020 in Bukarest gedreht wurde, ganz selbstverständlich auftauchen. Die falsch sitzenden Masken (als Kinnschutz oder herauslugende Nasen), auf die sich die Figuren aufmerksam machen, sind ein Running-Gag des Films.

Im dritten Wettbewerbs-Film des Tages erzählt Dénes Nagy vom Partisanenkrieg in der Sowjetunion. Die ungarische ZDF/arte-Co-Produktion „Natural Light/Természetes fény“ ist ein bedrückendes Drama, das in verwaschene Grau-, Braun- und Ockertöne getaucht ist. Hauptfigur Semetka (Ferenc Szabó) bewegt sich mit ausdrucksloser Miene durch dieses Grauen. Die Jury hat die Formstrenge dieses Spielfilm-Debüts so beeindruckt, dass sie Nagy einen Silbernen Bären für die beste Regie verlieh.

Acht Jahre nach ihrem Debüt-Film „Das merkwürdige Kätzchen“, der 2013 im Forum der Berlinale begeisterte Kritiken erntete, präsentieren die Schweizer Brüder Ramon und Silvan Zürcher ihren zweiten Film „Das Mädchen und die Spinne“ in der von Carlo Chatrian im vergangenen Jahr neu geschaffenen Sektion Encounters. Ihnen gelingt ein träumerisch-leichter, fein beobachtender Film, der um die Trennung der beiden Hauptfiguren kreist: Lisa (Liliane Amuat) verlässt die WG, Mara (Henriette Confurius) trauert ihr hinterher. Die beiden haben sich auseinandergelebt, waren vermutlich mehr als nur Freundinnen.

Auf engem Kammerspiel-Raum im Umzugsstress orchestrieren die Zürchers einen intensiven Film, der seine Geschichte vor allem mit Blicken erzählt: sehnende Blicke, taxierende Blicke, enttäuschte Blicke, abschätzige Blicke. In wenigen Momenten franst der Film etwas aus und droht sich im Manierierten und leicht Esoterischen zu verlieren, findet aber glücklicherweise schnell wieder zu seinem Zentrum zurück. Getragen wird „Das Mädchen und die Spinne“ von einem starken Ensemble: neben der Berliner Filmschauspielerin Confurius sind vor allem die beiden Schweizer Theaterschauspielerinnen Liliane Amuat (Residenztheater München) und Ursina Lardi (Schaubühne Berlin) als Lisas Mutter hervorzuheben.

Dieses Highlight bekam nicht nur den Kritiker-Preis der FIPRESCI-Jury. Die Zürcher-Brüder teilen sich auch mit Denis Coté (für „Social Hygiene“) den Preis für die beste Regie in der Encounters-Sektion.

Den Geschmack der Encounters-Jury traf jedoch der elegisch vor sich hin mäandernde Essayfilm „Nous/We“ von Alice Diop noch mehr. In seiner Begründung schwärmt das dreiköpfige Komitee von der „Sensibilität und Feinfühligkeit“, mit der Diop den Blick durch die Pariser Banlieues schweifen lässt. Die Filmemacherin, die dort aufgewachsen ist, stellt dem Bild in unseren Köpfen von brennenden Autos, Ausschreitungen und Hochhaus-Tristesse positivere Eindrücke entgegen und mischt Alltagsbeobachtungen mit Kindheitserinnerungen.

Der plötzliche Tod des Investmentbankers und verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein im vergangenen Sommer ist der Ausgangspunkt von Dasha Nekrasovas Slasher-Mystery-Dramas „The Scary of Sixty-First„, das ebenfalls in der Reihe Encounters läuft und leer ausging. Epstein wurde angeklagt, dass er einen Mädchenhandel-Ring betrieben haben soll, unter den Kunden sollen Promis wie Prinz Andrew aus dem britischen Königshaus gewesen sein.

Die Schauspielerin und Podcasterin Nekrasova schickt in ihrem grobkörnigem Debüt-Film mit lesbischem Nebenstrang drei junge Frauen auf einen genre-üblichen, blutigen Horror-Trip.

Vorschaubild: Liliane Amuat und Henriette Confurius in „Das Mädchen und die Spinne“, Bild: © Beauvoir Films

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.