Lulu

In diesem zweiten Corona-Lockdown, der sich nun schon seit November zermürbend und perspektivlos hinzieht, probieren viele Theater neue Formate aus, testen Zoom oder Telegram als neue Spielwiesen, produzieren experimentell geschnittene Theaterfilme oder Live-Streams. Die Perlen aus dem Archiv, die legendären Inszenierungen vergangener Jahrzehnte, die vor einem Jahr im ersten Lockdown dominierten, werden seltener hervorgeholt.

An diesem Wochenende gibt es eine dieser Gelegenheiten, Theatergeschichte kennenzulernen oder sich nostalgisch zu erinnern: das Schauspielhaus Hamburg streamt den WDR-Mitschnitt der „Lulu“-Inszenierung seines damaligen Intendanten Peter Zadek, die hohe Wellen schlug und natürlich zum Theatertreffen 1988 eingeladen wurde. Zadek war einer dieser schillernden, machtbewussten Intendanten-Platzhirsche, die zugleich Regie führten, die Theaterwelt der alten Bundesrepublik dominierten und ein Abo auf Einladungen zum Theatertreffen zu haben schienen.

Aus heutiger Sicht schier unglaubliche vier Monate probte Zadek mit seinem Ensemble an Frank Wedekinds „Lulu“. Erstmals wollte er die Urfassung der von der Zensur im Kaiserreich verstümmelten „Monstretragödie“ auf die Bühne bringen. Mehrfach wurde der Premierentermin verschoben, mehrmals musste der komplette Spielplan umgeworfen werden.

Die „Lulu“ war im Februar 1988 der große Auftritt einer erst 26jährigen: Die leider viel zu früh verstorbene Susanne Lothar tobt als Titelfigur über die Bühne, verdreht den Männern und Frauen gleichermaßen den Kopf. Das Spiel mit Sex und Macht endet nach dreieinhalb langen Stunden nicht nur für ihre Verehrer tödlich, sondern auch „Lulu“ selbst wird das Opfer ihres letzten Liebhabers, von Jack the Ripper.

Mit großer Besetzung bis in die Nebenrollen trumpft der Abend auf: Ulrich Wildgruber und Ulrich Tukur wetteifern um die Gunst der Lulu, Heinz Schubert, der als „Ekel Alfred“ TV-Comedy-Geschichte geschrieben hat, hat in der letzten Stunde Slapstick-Auftritte als Schigolch, Jutta Hoffmann, die als Einar Schleefs „Fräulein Julie“ am Berliner Ensemble die DDR-Kulturbürokratie entsetzt hat, spielt hier die lesbische Gräfin Geschwitz.

Susanne Lothar als „Lulu“

Die entscheidende Schwäche dieser „Lulu“-Inszenierung kritisierte schon damals Benjamin Henrichs in einer ausführlichen ZEIT-Besprechung, für die heute auch niemals so viel Platz im Blatt freigeräumt würde. Der überlange Abend zerfällt in viel zu viele kleine Miniaturen, der Mittelteil schleppt sich oft zäh dahin: „Zadeks groß gedachte, groß begonnene Kindertragödie „Lulu“ verliert den Halt; die Figuren bekommen keine Schärfe, das Drama keine Spannung, die meisten Szenen haben keinen Schwerpunkt, bloß eine Umlaufgeschwindigkeit. Der Furor des Wirklichen verschwindet in Theaterturbulenzen, Zadeks hektischer, angstvoller Kampf gegen die Langeweile beschwört dieselbe gnadenlos herauf.“

Das Zerfasernde und Ausufernde der Inszenierung, die noch „Wedekinds schwächste Einfälle, geschwätzigste Szenen“ nachspielt, fällt heute, mehr als drei Jahrzehnte nach der Premiere erst recht auf. Zadeks „Lulu“, die 1991 vom WDR bei einem Ruhrfestspiele-Gastspiel in Recklinghausen aufgezeichnet wurde, ist ein interessanter Blick in die Theater-Geschichte. Heute, nach all den #Metoo-Debatten und Regietheater-Umwälzungen würde man die „Lulu“ so nicht mehr inszenieren. Wedekinds „Lulu“ wird meist nur noch als Folie für eine ironische Dekonstruktion und Reflexion genutzt.

Bilder: Roswitha Hecke

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