Peer Gynt

Wie ein Kobold wirbelt Anna Drexler als „Peer Gynt“ über die abschüssige Bühne, die Regisseur Dušan David Pařízek für seine Live-Stream-Inszenierung ins Schauspielhaus Bochum baute. Knapp zwei Stunden lang springt sie durch die Szenen dieses dramatischen Gedichts von Henrik Ibsen, das zum Kanon der abendländischen, klassischen Theaterliteratur gehört.

Von der ersten Auseinandersetzung mit Mutter Aase (hier gender-verkehrt von Michael Lippold im Rock gespielt), die ihren Sohn ermahnt („Peer, Du lügst!“) bis zur Begegnung mit dem Knopfgießer als Symbol des Todes folgen wir Drexlers „Peer Gynt“ auf seinem/ihrem Fantasy-Trip durch Trollwelten. Zwei Themen interessierten den tschechischen Regisseur Dušan David Pařízek besonders: Zum einen der Narzissmus der Peer Gynt-Figur. Er wird im Programmheft als neoliberaler, rastloser „Ego-Shooter“ vorgestellt. Diese Facette der Gynt-Figur kostete vor einem Jahr in einer der letzten Prä-Lockdown-Premieren vor vollem Haus Lars Eidinger in seiner mehr als zweistündigen Solo-Show an der Schaubühne aus. Darin zelebrierte er den Narzissmus der Titelfigur in einer überlangen Kostüm- und Stand-Up-Show, fast alle Nebenrollen übernahm er gleich mit.

Anna Drexler

Zum anderen interessieren sich Pařízek und sein Team für den Motivstrang der kolonialen Ausbeutung und der Sklaverei. Mercy Dorcas Otieno, in Kenia geboren, spricht Klartext und baut eine Anklage gegen westlichen Imperialismus und die bis heute fortwirkenden Kolonialverbrechen in den Ibsen-Plot ein. Diese Fremd-Textpassagen stützen sich auf Interviews der ghanaischen Schriftstellerin Ama Ata Aidoo, die einige Jahre lang auch als Erziehungsministerin ihres Landes amtierte.

Konstantin Bühler, William Cooper

Drittens wertet die Bochumer Inszenierung die Rolle der Solveig auf. Anne Rietmeijer hat das letzte Wort und stellt mit einigen Fragen und Anmerkungen das klassische Geschlechterbild in Frage, das sich in diesem Text aus dem 19. Jahrhundert noch ganz selbstverständlich widerspiegelt. Damit der Abend aber nicht zu sehr mit Theorien und Fremdtexten überfrachtet wird und auf der Meta-Ebene verkümmert, ließ Pařízek das Trio Konstantin Bühler, William Cooper und Lukas von der Lühe als Rockband auftreten und Anna Drexlers „Peer Gynt“ darf nicht nur über die Bühne wirbeln, sondern auch rappen. Zwischen all den unterhaltsamen Motiven und sich gegenseitig kommentierenden Erzählsträngen schält sich aber kein Kern heraus, auf den die Inszenierung hinaus will.

Bilder: Matthias Horn

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