Die Seidentrommel

Mit einer ungewöhnlichen Inszenierung eröffneten die Ruhrfestspiele Recklinghausen ihre Ausgabe zum 75. Jubiläum: „Die Seidentrommel“ steht in der Tradition des japanischen Nō-Theaters und lebt vom Aufeinandertreffen verschiedener Kunstgattungen und Generationen.

Auf der fast leeren, dunklen Bühne agieren Kaori Ito und Yoshi Oïda. Beide sind in Japan geboren, haben aber ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nach Europa verlegt. Ito ist professionelle Tänzerin, 1979 geboren, vielfach ausgezeichnet und Gründerin einer eigenen Kompagnie, Oïda ist mehr als vier Jahrzehnte älter, ein Schauspieler, der seit 1968 eng mit Theater-Legende Peter Brook zusammenarbeitete und hier sein Tanz-Debüt gibt.

Kaori Ito, Yoshi Oïda

In der Choreographie, die Ito und Oïda gemeinsam entwickelten, stehen die Eleganz und die noch mitten im Leben stehende Kraft der Profi-Tänzerin den wesentlich unsichereren, schwerfälligeren, vom Alter gezeichneten Bewegungen des 87jährigen Oïda gegenüber, dessen Figur sich in die junge Frau verliebt, von ihr jedoch zum Narren gehalten wird. Die sparsamen Textzeilen dieses recht einfachen Plots stammen vom französischen Schriftsteller und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, der die Premiere bei der coronabedingt in den Herbst 2020 verlegten Spezial-Ausgabe des Festival d´Avignon noch miterlebte, jedoch wenige Wochen später im Januar 2021 verstarb. Er bearbeitete das Stück „Die Damasttrommel/Aya no tsuzumi„, das der höchst umstrittene japanische Literaturnobelpreisträger Yukio Mishima als modernes Nō-Spiel 1956 veröffentlichte.

Eingeleitet wurde der Live-Stream aus dem leeren Theatersaal des Festspielhauses durch eine Eröffnungsrede der Autorin Enis Maci, die auch schon zu den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters Berlin eingeladen war und in einem assoziativen Streifzug einen Bogen vom Kampf gegen das Corona-Virus zum Aufwachsen in der Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen schlug.

Bilder: Christophe Raynaud de Lage

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