Viel gut essen

Sehr minimalistisch setzt Anna Stiepani den Monolog eines „besorgten Bürgers“ um, der hinter jeder Ecke nur Migranten, Homosexuelle und Frauen wittert, die ihm seinen Status streitig machen wollen. Sieben Jahre ist der kurze Text von Sibylle Berg alt. „Viel gut essen“ wurde im Oktober 2014 am Schauspiel Köln uraufgeführt, zwei Monate bevor in Dresden Montag für Montsg Gleichgesinnte von Sibylle Bergs Figur auf die Straße gingen.

Wie schon Zita Gustav Wende in „Liebe. Eine argumentative Übung“ arbeitet auch Stiepani in diesem zweiten Teil der Doppelpremiere zur Eröffnung der mit „Neuen Welthütte“, eine Spielstätte für kleinere Formate im Foyer des Bochumer Schauspielhauses, mit Voice-over. Auf den ersten Blick wirkt Bernd Rademacher ganz ausgeglichen und gemütlich, wie er in seiner Küche steht und die Zutaten für das Abendessen schnippelt. Geschäftig geht er seinen Routinen nach, während vom Band sein Monolog einsetzt, in dem er über sich und seine Stellung in der Gesellschaft nachdenkt. Vorsichtig tastet er sich an die Themen heran, zurückhaltend, fast entschuldigend sind Wortwahl und Tonfall. Ein interessanter Regie-Einfall des Theaterfilms ist, dass sich Bernd Rademacher nicht nur selbst kommentiert, sondern auch selbst beim Kochen zusieht. Der Schauspieler sitzt vor dem Fenster der Welthütte und betrachtet sich selbst.

Je länger die 45 Minuten dauern, desto klarer wird, wie gekränkt sich der Wutbürger fühlt. Er setzt getreu Sibylle Bergs Stück-Vorlage zu einem Rundumschlag mit homophoben, rassistischen, misogynen Tiraden an, schlüpft unter das Bärenfell-Kostüm des QAnon-Aktivisten vom Sturm auf das Kapitol, der die Welt Anfang Januar in Atem hielt. Damit schlägt der Film auch den Bogen zurück zum Intro: Während die Kamera durch das Schauspielhaus wanderte, hörten wir Passagen aus dem Essay „Der Antichrist“, den Joseph Roth 1934 in Amsterdam veröffentlichte, nachdem er Deutschland sofort am Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 verlassen hatte. Zu spät erkennt die Demokratie die Bedrohung durch ihre Feinde, mahnte Roth damals.

Bernd Rademacher

„Sie haben mir ins Gesicht gefilmt“ zitiert Rademacher den im September 2018 viral gegangenen ehemaligen sächsischen LKA-Mitarbeiter und Pegida-Aktivisten, als er seine Küche verlässt. Zu dem Zeitpunkt hat er sich aber längst schon so tief in sein Selbstmitleid verrannt, dass er für andere kaum noch erreichbar ist.

Der Theater-Film „Viel gut essen“ ist eines der Lebenszeichen, die die Schauspielhäuser in den langen Lockdown-Monaten senden: Kleine Formate, die sich trotz aller Arbeitsbeschränkungen verwirklichen lassen, und in diesem Fall auch mit einem klaren gesellschaftspolitischen Statement.

Bild: Birgit Hupfeld

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