Name her

Sechs lange Stunden widmen sich Anne Tismer und Regisseurin Marie Schleef in ihrem Lecture Performance-Marathon den vergessenen Frauen der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte: „Name her. Eine Suche nach den Frauen +“ lautet der Titel dieser Arbeit aus der Freien Szene, der im September 2020 am Ballhaus Ost Premiere hatte und kurz vor dem Lockdown noch einige Vorstellungen am Wiener Kosmos Theater erlebte. Beim dritten Kooperationspartner, den Münchner Kammerspielen, konnte der Abend noch nicht präsentiert werden.

Neben „Scores that shaped our friendship“ war die Einladung für „Name her“ sicher die größte Überraschung, als die Jury ihre 10er-Auswahl für das Theatertreffen 2021 verkündete. Im Mai konnte leider nur ein vorproduzierter Stream gezeigt werden: vor dem Bühnenbild-Triptychon von Jule Swarowski, die auch für Kostüme und Video-/Bild-Installation zuständig war, wirkt Anne Tismer oft recht verloren, die Kamera nimmt sie kaum in den Fokus. Hier ist ein deutlicher Qualitäts-Unterschied zu den Stream-Angeboten zu spüren, die von 3sat mit Hilfe der TV-Rege produziert wurden.

Zum Madonna-Hit „Like a Prayer“ tänzelt Tismer über die Bühne und setzt zu einer Reise durchs Alphabet an: mit kleinen Schlaglichtern stellt sie von A wie Alice Roth, einer Schweizer Mathematikerin, über H wie Herta Heuwer, der Erfinderin der Currywurst, bis Z wie Zoe Alice Miller, einer Bildenden Künstlerin, zahlreiche mehr oder minder unbekannte Frauen und ihre Leistungen vor.

Kurzporträt reiht sich an Kurzporträt, immer wieder unterbrochen von Tanzeinlagen, vorzugsweise zu Madonna-Songs, aber auch mal zum 70er Jahre-Evergreen Porque de vas, zu dem Tismer natürlich auch eine kleine Geschichte einfällt. Ironisch-launig ist der Grundton, sprunghaft-assoziativ geht es von Literatur zu Chemie, ab und zu garniert mit kleinen autobiographischen Anekdoten, z.B. über Anne Tismers Vorsprechen am Wiener Max Reinhardt-Seminar 1983, oder mit feministischer Grundsatzkritik an der Textauswahl der Stadt- und Staatstheater-Dramaturgien, mit der sich Regisseurin Marie Schleef aus dem Off meldet.

Freundlich-unterspannt plätschert dieser Abend dahin. In einem bemerkenswert schwachen Theatertreffen-Jahrgang ist „Name her“ zwar ein ungewöhnlicher Farbtupfer, aber nicht der erhoffte Lichtblick. Für Marie Schleef, die an der HfS Ernst Busch studiert hat und während ihrer Zeit als Regieassistentin an Chris Dercons Volksbühne im 3. Stock ihre Diplom-Inszenierung „Die Fahrt zum Leuchtturm“ nach Virginia Woolf präsentieren durfte, ist es ebenso wie für die beiden Off-Theater aus Berlin und Wien ihr Theatertreffen-Debüt. Mit Anne Tismer kehrt ein ehemaliger Star des Stadttheaters, der mit dem Betrieb radikal gebrochen hat, zur prestigeträchtigen Leistungsschau zurück: 1998 war sie mit gleich zwei Inszenierungen, nämlich von Luc Bondy bei den Wiener Festwochen und von Matthias Hartmann am Schauspielhaus Zürich, ins Wilmersdorfer Festspielhaus eingeladen, 2003 landete sie als „Nora“ in Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszenierung den Hit der Saison.

Bild: Hendrik Lietmann

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