Übergewicht, unwichtig: Unform

Nur alle paar Jahre kommt „Übergewicht, unwichtig: Unform“ in einer neuen Inszenierung auf die Bühne: zuletzt 2014 am Schauspielhaus Zürich, 2017 am Schauspiel Dortmund. In dieser Woche eröffneten das Münchner Volkstheater und Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca den kurzen Rest der Spielzeit, der nach dem Lockdown noch übrig ist, mit der deftigen Wirtshaus-Groteske von Werner Schwab, die auf dem Höhepunkt seines Ruhms 1991 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurde.

Von Gier und Neid zerfressen sind die Figuren, die an den Rändern dieses Wirtshauses sitzen und zum „schönen Paar“ stieren, das im Zentrum der Bühne sitzt. Pola Jane O´Mara und Steffen Link sind im hellblauen Partner-Look adrett zurecht gemacht und turteln als Frischverliebte bei Sekt und Häppchen miteinander. Sie sind sich selbst genug. Die anderen können ihre Augen nicht von ihnen lassen. Der Rest der Dorfbevölkerung ist zwar vor allem damit beschäftigt, sich gegenseitig Gemeinheiten an den Kopf zu werfen und Schweindi (Silas Breiding) wegen seiner Impotenz oder Fotzi (Carolin Hartmann) wegen ihrer verzweifelten Prostitutions- Versuche zu demütigen. Immer wieder mischt sich aber die neidvolle Verachtung für das namenlose „schöne Paar“ in ihre verbalen Wirtshaus-Raufereien.

Das Bühnenbild, das Vincent Mesnaritsch für „Übergewicht, unwichtig: Unform“ entwarf, könnte kaum weiter von Robert Borgmanns aseptischer, ganz in weiß gehaltener „Hamlet“-Traumwelt eine Woche zuvor am Residenztheater entfernt sein: Dreck und Stroh liegen am Boden, die Kostüme sind bewusst unvorteilhaft und schäbig, die Spielerinnen und Spieler sind zum Teil mit Fatsuits aufgepolstert, an den hässlichen Wänden sammeln sich nach dem ersten Akt die Blutspritzer des kannibalischen Exzesses, in den sich die tumbe Dorfbevölkerung hineinsteigert.

Pascal Fligg als Wirtin

Doch Schwab hält in diesem Stück nicht nur den alteingesessenen Wirtshaus-Stammgästen den Spiegel vor, sondern rechnet auch mit den scheinbar so kultivierten Neuankömmlingen ab: im letzten Drittel zeigt sich, dass dieses „schöne Paar“ keinen Deut besser ist, sondern mit genauso viel Niedertracht und voller Hochmut auf den Rest herabblickt.

„Übergewicht, unwichtig: Unform“ ist sicher nicht Werner Schwabs bestes Stück. Zu deutlich bleibt es hinter „Die Präsidentinnen“ zurück, mit dem er seinen Durchbruch hatte und das bis heute sein meistgespieltes Werk ist. Aber die Wirtshaus-Groteske ist ein unterhaltsames Ensemble-Stück, das sich für die Wiedereröffnung des Münchner Volkstheaters nach den harten Monaten des Lockdowns eignet.

Bilder: Gabriela Neeb

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