Tax for Free

Ein doppelter Hybrid ist die Produktion „Tax for Free“, mit der das Lichthoftheater in Hamburg den Spielbetrieb nach dem Lockdown wieder aufnimmt. Zum einen ist der 90minütige Abend ein Hybrid aus Live-Stream und analogem Theater vor Publikum. Alle vier Vorstellungen der Premieren-Serie werden ganz klassisch vor den Zuschauer*innen im Saal gezeigt, parallel können sich aber auch alle Interessierten per Laptop oder Smart-TV zuschalten.

Zum anderen ist „Tax for Free“ ein Hybrid aus politkabarettistischem Infotainment über eine Polit- und Finanz-Affäre, die die Hansestadt erschütterte, und eingestreuten Passagen aus Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“. Sehr anschaulich zeichnen die vier Spieler*innen Jonas Anders, Ruth Marie Kröger, Günter Schaupp und Laura Uhlig die Vorgänge rund um Warburg nach, eine traditionsreiche Privatbank aus Hamburg, deren Gesellschafter Christian Olearius und Max Warburg in der feinen Gesellschaft von Blankenese bestens vernetzt sind und die genau wissen, wie sie sich in Bürgerschaft und Senat Gehör verschaffen können.

Warburg war eines der Häuser, die in den windigen Cum Ex-Betrugsgeschäften vor einem Jahrzehnt viel Geld gescheffelt haben. Wie diese Deals funktionierten und wie die Steuerzahler*innen durch Wegschauen der Politik geschädigt wurden, erklärten Helge Schmidt und sein Team bereits in „Cum Ex-Papers“, einer mit dem „Faust“ 2019 ausgezeichneten Dokutheater-Inszenierung. „Tax for Free“ setzt diese erfolgreiche Zusammenarbeit fort und zeichnet detailliert nach, wie es dazu kam, dass die Hamburger Behörden in den Jahren 2016/2017 eine fällige Steuernachzahlung von satten 47 Mio. € stillschweigend verjähren lassen wollten. Leitmotivisch kreist der Abend vor allem um die Rollen einer Frau P., von Johannes Kahrs, ehemaliger Chefhaushälter der SPD-Fraktion im Bundestag, und Ex-Innensenator Alfons Pawelczyk.

Erst der Wirbel von Medien-Veröffentlichungen, vor allem von Oliver Schröm vom NDR-Magazin Panorama, der Druck von Oppositionspolitikern wie Fabio de Masi (Linke) und Gerhard Schick (ehemals MdB von Bündnis 90/Die Grünen, jetzt NGO-Aktivist von Die Finanzwende) und eine eindeutige Weisung aus dem Bundesfinanzministerium sorgten dafür, dass Warburg die Rechnung begleichen musste.

Olaf Scholz, Jonas Anders, Peter Tschentscher

Aus den Tagebuch-Einträgen des Bankers Olearius wissen wir, dass es 2017 ein Treffen mit dem damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz gab. Vor dem Untersuchungsausschuss berief sich Scholz, mittlerweile zum Vize-Kanzler und Bundesfinanzminister aufgestiegen, jedoch auf eklatante Erinnerungslücken.

Die kabarettistisch aufbereitete und mit kurzen Dialoggefechten aufgelockerte Chronologie eines Skandals wird noch mit Talking heads-Einspielern der oben genannten Experten aus Politik und Medien angereichert. Das würde für einen Dokumentartheater-Abend, den man mit Gewinn sieht, auch völlig ausreichen. Doch der Abend verzettelt sich beim zweiten Erzählstrang, der im Untertitel „Scholz und Tschentscher geben einen aus und Michael Kohlhaas wundert sich“ angelegt ist. Regelmäßig werden kurze Passagen aus der berühmten Kleist-Novelle über Kohlhaas, der sich in seinem Widerstand gegen staatliches Unrecht komplett verrannte, in die Dokutheater-Handlung eingebaut. Dies sind jedoch die schwächeren Szenen des Abends. Oft zu albern und in betont lächerlichen Kostümen wird der Kleist-Strang nachgespielt. Die Entscheidung, ausgerechnet den Kohlhaas-Klassiker in das aktuelle Dokumentar-Theater einzubauen, wirkt nicht schlüssig.

Bilder: Anja Beutler

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