Tornado

Ein gutes Timing hat der TD Berlin für die Wiederaufnahme von „Tornado“, einem knapp einstündigen Parcours durch das Off-Theater am Alexanderplatz, den Tobias Rausch, seit 2019 Leiter der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden, mit seinem Team entwickelt hat. Als „Klima-Theater-Desaster“ hat er den Abend untertitelt. Pünktlich vor der ersten Vorstellung der neuen Serie dieser Produktion zog eine Kaltfront mit verheerenden Unwettern über Deutschland hinweg. In vielen Gegenden hinterließen sie Schneisen der Verwüstung und vollgelaufene Keller, in Berlin „nur“ einen trostlosen Tag im Dauerregen.

Corona-konform in Kleingruppen wird das Publikum bei den ersten beiden Stationen im Frontal-Unterricht über die Klimakrise aufgeklärt. Ein Tornadojäger und eine Polarforscherin des Alfred Wegener-Instituts berichten aus ihrem Arbeitsalltag und wollen aufrütteln. So weit, so bekannt – doch anders als bei Rimini Protokoll oder zuletzt bei „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“ stehen die Expert*innen nicht real auf der Bühne, sondern Schauspieler*innen sprechen ihre Texte: an diesem Abend Bettina Grahs, die aus vielen Inszenierungen der Freien Szene bekannt ist, und Dramaturg Manuel Rivera, der sich mit Florian Hertweck abwechselt.

Bettina Grahs als Klimaforscherin

Doch wie nah geht uns das schon so oft Gehörte? Dass es allerhöchste Zeit ist, nun gegenzusteuern, wurde x-fach in den Medien und von Wissenschaftler*innen dargelegt. Doch genauso unbestritten ist, dass bisher viel zu wenig passiert ist, um den Klimawandel zu stoppen. Als die „Krise der Imagination“ beschreibt Bettina Grahs in ihrer Doppelrolle als Performerin und Klimaaktivistin die zentrale Herausforderung, vor der dieser Abend steht.

Nach dem Frontal-Unterricht versucht das Team im letzten Raum deshalb, mit Windmaschine und Bühnennebel zumindest einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln, welche Folgen der Klimawandel hat. Doch zuvor kommen vom Stimmen aus einem Schweizer Bergtal: Geröllmassen bedrohten die Dörfer, die Natur schlug zurück. In Interviews mit „Ende Gelände“ und anderen Aktivist*innen erfahren wir von den Schikanen der polnischen Polizei, die Demonstrant*innen gegen ein Kohlekraftwerk einkesselte, sie zwang, sich auszuziehen, und ihnen Häftlingsnummern mit Edding auf die Arme malte.

Im Schlussbild wütet kurz die Tornado-Simulation durch den Raum, bevor draußen Fragebögen des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) ausgeteilt werden. Gelingt es dem Abend, bleibende Bilder zu hinterlassen? Oder muss das Theater mit gut gemeinten Projekten zwangsläufig scheitern? Den tieferen Eindruck hinterließen bei mir jedenfalls die TV-Aufnahmen vom abgedeckten Dach der Stuttgarter Oper nach dem ganz realen Unwetter vom Dienstag.

„Tornado“ schaffte es aber immerhin in die End-Auswahl für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost, der allerdings an eine andere Arbeit aus der Freien Szene ging: an den zwölfstündigen, aber über weite Strecken zu banalen Gob Squad-Marathon „Show me a good time“, der zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen war.

Bilder: David Baltzer/bildbuehne.de

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