Fabian oder Der Gang vor die Hunde

Dass Wilmersdorf schläfrig vor sich hindöst und ein Mehltau über dem traditionsbewussten Kiez im Berliner Westen liegt, der so gar nichts mit den Mitte-Hippstern gemein hat, nutzt Dominik Graf für die Eröffnungs-Szene seiner Literaturverfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“.

Der 1913 im Kaiserreich eröffnete U-Bahnhof, der von den FU-Studis, die in angesagteren Vierteln leben, zum Umsteigen Richtung Seminarsaal genutzt wird, strahlt genau die schäbig-angeranzte Patina und verblichene Noblesse aus, die auch Regisseur Dominik Graf für seinen fast dreistündigen Film vorschwebt. Tatsächlich liegt er auch nur drei Stationen von der Schaperstraße entfernt, in der heute die Berliner Festspiele mit dem Theatertreffen residieren und die Roman-Hauptfiguren wohnen.

Vom geschäftigen Treiben der präpandemischen Zeit, als „Fabian“ im Sommer/Herbst 2019 gedreht wurde, fährt die Kamera von Hanno Lentz langsam die Gänge und Treppen entlang Richtung Tageslicht und stürzt sich taumelnd in das Jahr 1931.

Als melancholischer Beobachter führt uns Fabian (Tom Schilling) durch das Krisen-Panorama der späten Weimarer Republik: er trifft auf Figuren, die sich ganz dem Rausch hingeben, wie die Nymphomanin und Männerbordell-Betreiberin (Meret Becker als klischeehafte Karikatur ihrer Standard-Rolle) oder die in diesem Strudel längst zynisch wurden. Fabians große Liebe, Fräulein Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl, deren nackten Körper der Regisseur und sein Kameramann auffallend gierig ins Bild setzen), geht lieber mit dem schmierigen Film-Produzenten (Aljoscha Stadelmann) ins Bett und träumt von der Karriere als UFA-Sternchen. Erschreckend blass bleibt Fabians Sidekick: Kann es einen langweiligen Film mit Albrecht Schuch, dem wohl begabtesten Schauspieler seiner Generation geben? Leider ja. Als Labude, Anwaltssohn, Kommunist, gescheiterter Lessing-Promovend und Suizidant, muss er brav die Stationen des Romans abhaken, kann seiner Figur im Schatten Fabians aber kein Leben geben.

Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch in „Fabian“

Zu raunendem Off-Kommentar bleibt Grafs Verfilmung nah an Erich Kästners Roman-Vorlage. Im Gegensatz zu Frank Castorf, der seine mehrmals verschobenen, wie üblich sehr freien Assoziationen zum Roman nur wenige Tage vor Grafs Premiere im Berlinle-Wettbewerb am Berliner Ensemble herausbrachte, erzählt Graf die Roman-Handlung nach. Mit viel Patina plätschert die Fabel vom Untergang der Demokratie und von den Enttäuschungen des Protagonisten vorbei.

Obwohl der Berlinale-Wettbewerb in diesem Jahr schwach besetzt war, gingen Dominik Graf mit seinem betulichen Alterswerk und die begabten Jungstars Schilling und Schuch mit ihrem „Fabian“ bei der Bären-Vergabe 2021 leer aus. Am 5. August startet der Film im Kino.

Bilder: ©Lupa Film, Hanno Lentz, DCM

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