Schwarzwasser

Schnellschreiberin Elfriede Jelinek haute ihre Assoziationen zur Ibiza-Affäre und zu toxischer Männlichkeit in gewohnt sprachgewaltigem Stakkato in ihre Tastatur. Noch kurz vor dem Corona-Lockdown konnte das Stück in Promi-Besetzung mit Caroline Peters und Martin Wuttke uraufgeführt werden, das Gastspiel bei den Autorentheatertagen musste leider ausfallen.

Zwischen der ersten und zweiten Corona-Welle kam „Schwarzwasser auch zur deutschen Erstaufführung: Stefan Bachmann gestaltete am Schauspiel Köln einen Parcours durchs Haus, der in der Theaterfilm-Lockdown-Version nicht richtig zur Geltung kam. Die Inszenierung von Christina Tscharyiski im Neuen Haus des Berliner Ensembles, einer österreichischen Regisseurin, die sich dort bereits 2018 mit einem popfeministischen Doppelabend vorstellte, musste im Herbst 2020 auf die neue Spielzeit verschoben werden.

Während im Hintergrund Video-Bilder vom Auseinanderbrechen der türkis-blauen Regierung im Mai 2019 flimmern, die vom Gegensatz der bedröppelten Mienen von Kanzler Sebastian Kurz und seinem Vize Heinz-Christian Strache und den Partys auf dem Ballhausplatz zur Vengaboys-Hymne „We´re going to Ibiza“ leben, betritt das Frauen-Quartett im Burschenschafter-Kostüm und rot-weiß-roten Schärpen die Bühne.

Claude de Demo, Bettina Hoppe, Cynthia Micas und Stefanie Reinsperger sprechen eine Strichfassung von Jelineks Workaskaden, die wie gewohnt ohne klare Rollen-Zuweisung über 60 engbedruckte Seiten mäandern. Die vier Spielerinnen bieten einen sehr konzentrierten Vortrag, brauchen nur selten die Hilfe der Souffleuse, Tscharyiski inszeniert Jelinek ohne viele Abschweifungen und Gimmicks.

Für den nötigen Wumms sorgen Stefanie Reinsperger, die sich mit Rampensau-Soli als prima inter pares immer wieder ins Zentrum spielt, und die Rammstein-Einlage von Bettina Hoppe zur Live-Musik der dreiköpfigen Frauen-Band (Laura Landergott, Jessyca R. Hauser, Maya Postepski).

Stefanie Reinsperger auf Fabelwesen

Bis auf das Herumturnen auf einem überdimensionalen Fabelwesen (Bühne: Dominique Wiesbauer), einem Hybrid aus Ratte, Wolf und Fledermaus, ironischem Nachspielen der breitbeinigen, alkoholseligen Ibiza-Männerrunde zu Zigarrenqualm und extra viel Red Bull sowie einem älteren Text der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin, den Reinsperger als Solo zum Finale performt, bekommt das Publikum von Christina Tscharyiski und ihrem Frauen-Team knapp 100 Minuten lang Jelineks „Schwarzwasser“-Assoziationen sehr werktreu und pur geboten.

Bilder: Matthias Horn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.