Nahschuss

In düsteren Grau- und Brauntönen erzählt Franziska Stünkel (Regie und Drehbuch) von einem Wissenschaftler, der von der HVA (Hauptverwaltung Aufklärung) der Stasi geködert wird: nach einem Jahr soll er eine Professur bekommen. Auch eine Wohnung, die für die DDR der 1970er Jahre ungewöhnlich groß und schön ist, zählt zu den Privilegien, die Franz Walther (Lars Eidinger) und seine Freundin Corina (Luise Heyer) genießen.

Als Gegenleistung wird erwartet, dass er seinem Vorgesetzten (Devid Striesow) dabei hilft, einen Fußballstar in die DDR zurückzuholen, der zum „Klassenfeind“ in den Westen geflohen ist und beim Traditionsclub HSV kickt, der damals eine stolze Beletage-Adresse war, aber heute zur Zweitliga-Skandalnudel herabgesunken ist. Bei der Wahl ihrer Mittel war die HVA nicht zimperlich: Erpressung mit Sexfallen, Lügen mit angeblichen Krebsdiagnosen engster Verwandter und ein Netz aus Spitzeln sollten die Zielperson und ihr Umfeld zermürben.

Luise Heyer (Corina Walther)

Diese Stasi-Agenten-Geschichte wäre ein Plot für einen Genre-Thriller, doch Stünkel entschied sich für ein Psychogramm der Hauptfigur. Der Film ist ganz auf Lars Eidinger zugeschnitten, der die wachsenden Gewissensbisse des geköderten Stasi-Mannes spielt. Mit dem jungenhaften Charme, mit dem er auch das Publikum bei seinen Schaubühnen-Improvisationen anpflaumt, freut sich Eidingers Protagonist wie ein Schneekönig über die unverhoffte Karriere-Chance, seiner Professorin (Victoria von Trautmannsdorf) nachzufolgen. Naiv tappt er in die Falle. Dank seiner schnellen Auffassungsgabe erwirbt er sich Meriten und macht sich unverzichtbar, doch bald plagen ihn Skrupel angesichts der beschriebenen Methoden.

Als Walther einige Akten bei sich zuhause hortet und sich die Schlinge um seinen Hals nach dem Überlaufen seines Kollegen (Florian Anderer) enger zieht, spielt Eidinger den Zusammenbruch des Mannes in seiner typischen, hochdramatischen Spielweise. Auch sein Markenzeichen darf natürlich nicht fehlen: Eidinger lässt gleich mehrfach die Hose runter.

Obwohl der Theater-Star den Film dominiert, ist „Nahschuss“, das von arte und ZDF koproduziert wurde, ein vielversprechendes Debüt, das auf dem Filmfest München mit einem Förderpreis für das Drehbuch ausgezeichnet wurde. Der Film ist inspiriert von der wahren Geschichte von Werner Teske, der 1981 in der DDR wegen Hochverrats zum Tod verurteilt und mit einem Nahschuss liquidiert wurde.

Bilder: alamodefilm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.