1000 Serpentinen Angst

Ein Roman-Stoff, der wie gemacht ist, für das Gorki Theater: die Feuilletons von FAZ bis SZ lobten im Frühjahr 2020 den Debüt-Roman „1000 Serpentinen Angst“, die Identitätssuche einer jungen, schwarzen Frau aus dem Osten. Die 1985 in Weimar geborene Autorin schrieb zuvor schon fast ein Jahrzehnt lang fürs Theater, ihre Stücke wurden an den Münchner Kammerspielen, am Hamburger Thalia Theater und am Ballhaus Naunynstraße aufgeführt. Ihr Roman-Debüt ist ein autofiktionales Selbstgespräch, als Frage und Antwort angelegt, eine mehr als dreihundert Seiten lange Therapiesitzung.

Anta Helena Recke, eine der angesagtesten jungen Regisseurinnen, die bereits zwei Mal zum Theatertreffen eingeladen war, zuletzt mit ihrer Installation „Die Kränkungen der Menschheit“, destilliert einen wesentlichen Strang aus diesem Roman heraus und macht daraus eine vielstimmige Familienaufstellung.

Natürlich ist es nicht Reckes Stil, ihre Akteur*innen so naturalistisch und mit Wackelkamera bewaffnet auf einander losgehen zu lassen, wie wir dies bei Christopher Rüpings Zürcher „Einfach das Ende der Welt“-Adaption erlebten, die gerade zur Inszenierung des Jahres gewählt wurde. Am Gorki Theater erleben wir auf der minimalistischen, kargen Guckkastenbühne von Marta Dyachenko ein Ensemble, das sich im Wechsel befragt und an den Roman-Stoff herantastet.

Zwei Spielerinnen kristallieren sich als Hauptfiguren des Abends heraus: Shari Asha Crosson, Ensemble-Mitglied am Theater Obehausen und zu Gast am Gorki, spielt das Alter ego der Autorin Wenzel, die als Tochter einer Punk-Rebellin und eines angolanischen Vertragsarbeiters in der DDR geboren wurde und nach dem Mauerfall ihre Identität als ostdeutsche, lesbische, schwarze Frau sucht. Ihre Mutter spielt Ariane Andereggen, auch sie als Gast des Gorki Theaters, im Punk-Look und mit rauer Stimme.

Enorme Textmassen absolvieren die Spieler*innen dieser Roman-Strichfassung, die Recke gemeinsam mit Hieu Hoang erstellt hat. Vor allem für jene, die den Roman nicht gelesen haben, bleibt oft im Unklaren, wer gerade spricht und in welcher Zeit oder an welchem Ort sich die Figuren befinden. Das assoziative Stimmengewirr wechselt zwischen der Gegenwart der Tochter und ihren Erinnerungen an die Punk-Jugend der Mutter und der SED-linientreuen Großmutter. Zentrale Stationen dieser Erinnerungsreise sind der immer wieder geisterhaft auftretende Zwillingbruder (Moses Leo, ein weiterer Gast, der mit Recke schon bei ihrer Münchner „Mittelreich“-Schwarzkopie zusammengearbeitet hat), der Suizid begangen hat, Kim, die Geliebte der Protagonistin (Hanh Mai Thi Tran, seit 2019 am Gorki), und ihre Reise nach New York, wo sie mit der Black Community den Wahlsieg von Trump erlebt und tiefer in die Frage eintaucht, was Schwarzsein für sie bedeutet.

Diese wortlastige Erinnerungs-Tour wird nur selten durch kleine Video-Installationen (Marta Dyachenko/Matteo Taramelli) unterbrochen und vor allem am Ende durch Choreographien (Jeremy Nedd, Joana Tischkau) aufgelockert. Ansonsten bietet der zweistündige Abend kaum Momente, in denen das Publikum emotional andocken kann. So still war es während einer Gorki-Premiere selten, kaum ein Mucks kam aus dem für seine Begeisterungsfähigkeit bekannten Auditorium, nur ein paar Stoßseufzer über die spröde Literatur-Adaption.

Einen Seitenhieb auf den Sexismus bei Box-Events, bei denen Nummern-Girls, die mit einem Hauch von Nichts stöckeln, gönnte sich Recke, als sie Tim Freudensprung, seit 2020 frisch von der UdK im Gorki-Ensemble, im String-Tanga und mit Papptafel stolzieren ließ. Die Wortgefechte der Stimmen wurden ansonsten nur sehr sporadisch durch spielerische Szenen oder Comedy-Einlagen aufgelockert.

Bild von Shari Asha Crosson : Esra Rotthoff

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