Amok

Eine Radikal-Performance im Stil von Marina Abramović bietet Cordelia Wege in ihrem Solo „Amok“, das sie am Berliner Ensemble entwickelt hat. Im Fetisch-Look mit knapper Unterwäsche lässt sie sich von zwei Bühnenmitarbeitern an das Gestänge fesseln. Kurze Verschnaufpausen gönnt sie sich, ruft Mike herbei, dass er ihre Beine losbinden und ihre eine Leiter bringen möge, so dass sie sich ein paar Momente der Entspannung gönnen kann. In den brachialsten Szenen ihrer Performance hängt sie schließlich in der Waagrechten und giert erschöpft nach dem Wasser, dass ihr die Helfer reichen.

In diesem Bondage-SM-Setting erzählt Wege eine Novelle von Stefan Zweig aus dem Jahr 1923: „Der Amokläufer“ ist thematisch ein Kolportage-Schinken, mixt #metoo mit Kolonialismus, Stalking mit Abtreibung, Schuldgefühle mit sexueller Obsession, alles überschattet von der Todessehnsucht der beiden Figuren, eines Arztes und einer einheimischen Frau. Zwischen diesen beiden Perspektiven changiert die Textfassung, die Wege mit dem Dramaturgen Johannes Nölting erarbeitet hat, und die das eindeutig männliche Sprechen der Novelle in ein uneindeutiges Wechselspiel der Stimmen überführt.

„Amok“ nach Stefan Zweig von/mit Cordelia Wege

Überraschend an diesem „Amok“ überschriebenen Abend ist, wie ruhig Wege ihre 75 Minuten angeht. Sehr langsame Passagen, unterlegt von der flirrenden Live-Musik von Samuel Weise, dominieren den Abend über weite Strecken. Von dem Staccato, in dem Wege im Sommer 2019 das Sprechgedicht „Die Politiker“ von Wolfram Lotz von der Rampe des Deutschen Theaters Berlin ballerte, ist an dem Abend wenig zu spüren. Er hat seine fiebrigen Momente, aber über weite Strecken ist es ein hochkonzentrierter Vortrag, bei dem Wege jedes Wort tastend betont und bei dem vor allem das beschriebene Fetisch-Setting ungewöhnlich ist. Ganz aufgekratzt tänzelt Wege am Ende über die Bühne.

Bilder: Matthias Horn

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