Lear/Die Politiker

Fast zwei Stunden schleppt sich dieser Abend im nur halb gefüllten Deutschen Theater Berlin dahin. Von Shakespeares „Lear“ sind – wie von Sebastian Hartmann gewohnt – nur Spurenelemente zu erkennen. Der abdankende König (Markwart Müller-Elmau und Michael Gerber in Nachthemden in Krankenhausbetten) muss sich seiner übergriffigen Töchter (Linda Pöppel und Birgit Unterweger) erwehren.

Zwischen den Nebelschwaden, assoziativen Schnipseln und Loops macht sich eine düstere, bleierne Stimmung breit. Statt eines atmosphärisch dichten Abends über das Abtreten, Sterben und Erben, der dem Regisseur anfangs wohl vorschwebte, ist nur Ratlosigkeit spürbar. Bleiern schleppt sich Szene um Szene dahin.

Quäl-Theater der fadesten Sorte, das Auditorium leert sich langsam weiter. Von hochkochenden Emotionen, die bei Sebastian Hartmann während seiner Leipziger Intendanz fast garantiert waren, ist nichts zu spüren. Wie auf Valium plätschert der Abend vor sich hin. Auch Linda Pöppel, die sich mit ihrer ebenso furiosen wie polarisierenden Performance „In Stanniolpapier“ auf Rang 2 bei der Wahl zur Schauspielerin des Jahres katapulierte, setzt in diesem Einerlei kaum Akzente.

Natali Seelig geistert in schwarzer Kutte mit einer langen Anklage an die UNO, die typische Versatzstücke aus Wut-Postings auf Facebook und Co. mit Verschwörungstheorien mixt, über die Bühne. Hier will nichts zueinander passen.

In der letzten halben Stunde versucht Sebastian Hartmann das Ruder herumzureißen. Er lässt den „Lear“ auf sich beruhen und gibt die Bühne frei für ein Solo von Cordelia Wege. Im Affenzahn arbeitet sie sich im schicken Cocktailkleid vor golden beleuchtetem Windrad durch den Text „Die Politiker“ von Wolfram Lotz. Dieser Monolog spielt mit den politikverdrossenen Textbausteinen der Wutbürger, kalauert wie Jelinek, berauscht sich an seinen Assoziationen und verliert sich hemmungslos im Dadaismus.

Es wäre spannend, den Text „Die Politiker“ darauf abzuklopfen, ob er mehr als eine amüsante Fingerübung ist und ob daraus wirklich ein überzeugender Theaterabend entstehen könnte. Hartmann/Wege entschieden sich dafür, den Monolog im rasenden Tempo als halbstündigen Nachklapp an eine bis dahin fade Inszenierung anzukleben. Cordelia Wege zeigt bei ihrem Solo eine beeindruckende Energieleistung und der „Politiker“-Monolog sorgt immerhin für einen „Hallo, wach“-Effekt beim Publikum. Mit diesem Kabinettstückchen nimmt ein schwacher Abend immerhin ein halbwegs versöhnliches Ende.

Bilder: Arno Declair

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