Autor:innentheatertage 2021

Eine Kuriosität der Autor:innentheatertage 2021 ist, dass das Deutsche Theater Berlin für sein Repertoire mit „When there´s nothing left to burn you have to set the world on fire“ von Chris Michalski ausgerechnet das Stück mit Leipziger Lokalkolorit auswählte und dem Schauspiel Leipzig mit „White Passing“ eine Komödie überließ, die mit der großen Differenz Berliner Bezirke spielt.

Sarah Kilter, 1994 in Berlin geboren, greift all die Klischees über das liberale, sich kosmopolitisch gebende Bürgertum in den Altbauwohnungen am Savignyplatz und über die Badstraße in Wedding-Gesundbrunnen auf, in der die Gentrifizierung auf Imbissbuden trifft, und wirbelt sie lustvoll durcheinander. Die Autorin hat sich selbst als Hauptfigur in den Stücktext hineingeschrieben als eine junge Frau, die zwischen beiden Welten keinen Plaz findet und vor ihren aufgekratzten, mit Barbiepuppen-Piepsstimmen schnatternden Freundinnen Reißaus nimmt.

Julia Preuss und Meriam Abbas in „White Passing“, Bild: Tom Schulze

Thirza Bruncken beginnt das Stück sehr unterhaltsam: Meriam Abbas, Julia Preuß und Bettina Schmidt piepsen die Dialogfetzen vor sich hin, mit denen sich Sarah Kilter über typische Diskursmuster der beschriebenen Milieus lustig macht. Das Stimmen-Gewirr wird durch kurze tänzerische Einlagen durchbrochen, die Romy Avemarg zu Lady Gaga oder the Prodigy choreographierte.

„White Passing“, das auf der großen Bühne des DT Premiere hatte und in die Diskothek des Schauspiels Leipzig wandern wird, macht über weite Strecken Spaß, ist mit 90 Minuten aber eindeutig zu lang. Sarah Kilters Konzept wäre als mittellanger Sketch oder als Revue aus Schlaglichtern hervorragend aufgegangen. Was unterhaltsam beginnt, erschöpft sich aber bald in der Wiederholung derselben Klischees. Selbstironisch bringen die drei Spielerinnen all diese Vorwürfe, die man dem Abend machen kann, am Ende selbst vor, als sie vorne an der Rampe einen Dialog mit dem Publikum imitieren.

Wesentlich düsterer geht es anschließend in den Kammerspielen bei der Grazer Inszenierung von Amanda Lasker-Berlins „Ich, Wunderwerk und how much I love disturbing content“ zu. Scheinbar harmlos beginnen Lisa Birke Balzer, Fredrik Jan Hofmann, Katrija Lehmann und Evamaria Salcher mit Parodien der „Power Rangers“-Comic-Helden und Erinnerungen einer Frau an ein Weihnachtsfest im Dorf ihrer Kindheit. In mehreren Spiralen steigert sich der Text in ein Gewalt-Panorama: Videos von Polizisten-Morden in Guadalajara, Oklahoma City und dem „I can´t breathe“-Drama um George Floyd, das die „Black Lives Matter“-Proteste auslöste, werden zitiert, an die Geiselnahme von Gladbeck, die 1988 live von einer Journalist*innen-Meute begleitet und angeheizt wurde, erinnert das Ensemble in seiner Text-Collage ebenfalls.

Fredrik Jan Hofmann, Katrija Lehmann, Lisa Birke Balzer in „Ich, Wunderwerk und How Much I Love Disturbing Content“, Bild: Lex Karelly

Der Overkill an Gewalterfahrungen mündet darin, dass die erwachsene Frau, die sich an ihre Kindheit erinnert, feststellen muss, dass sie den Missbrauch durch den Großvater verdrängt hat. Regisseurin Claudia Bossard lässt dazu die Bühne von Daniel Wollenzin zur voll aufgedrehten Musik von Annalena Fröhlich erzittern. Das große Panorama an Weltschmerz und Brutalität in Lasker-Berlins Text wirkt allerdings zu dick aufgetragen, als dass es berühren könnte. Eine Trigger-Warnung ist außerdem notwendig, da das Publikum mit „Last Christmas“ dem furchtbarsten Weihnachts-Dudel-Funk-Dauerbrenner aller Zeiten, malträtiert wird.

Zum Auftakt von Ulrich Khuons letzter Spielzeit fehlt im Herzensprojekt des Intendanten in der 2021er Auswahl ein großer Wurf, der auch zum Nachspielen einlädt.

Vorschaubild: Lex Karelly

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